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Fertilitätserhalt bei Krebserkrankungen

Letzte Aktualisierung: 12.8.2026

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Fertilitätserhalt bei onkologischen Erkrankungen umfasst alle Maßnahmen zum Schutz vor Infertilität unter potenziell gonadotoxischen Therapien. Da Chemo-, Strahlen- und einige zielgerichtete Therapien die ovarielle oder testikuläre Funktion dauerhaft beeinträchtigen können, sollte die Beratung möglichst frühzeitig erfolgen – idealerweise bereits bei Diagnosestellung. Die eingesetzten Methoden der Fertilitätsprotektion richten sich nach Alter, Geschlecht, Grunderkrankung, individuellem Risiko und dem verfügbaren Zeitfenster bis zum Therapiebeginn. Etablierte Verfahren sind insb. die Kryokonservierung von Eizellen, Embryonen, Ovarialgewebe und Ejakulat sowie Maßnahmen zum Gonadenschutz. Fertilitätserhalt ist heute ein wesentlicher Bestandteil der onkologischen Versorgung und erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Onkologie, Strahlenmedizin, Reproduktionsmedizin und ggf. Pädiatrie.

Übersichttoggle arrow icon

Fertilitätserhalt

  • Konzept: Beratung und Anwendung fertilitätserhaltender Maßnahmen bei Personen mit noch nicht abgeschlossener Familienplanung vor oder während einer potenziell keimzellschädigenden Therapie
  • Zielgruppe: Kinder, Jugendliche und Erwachsene im reproduktiven Alter

Bedeutung und Problematik der Fertilitätsprotektion bei Krebserkrankungen

  • Hintergrund: Signifikante Verbesserung der Überlebensraten durch optimierte onkologische Therapieverfahren (Chemotherapie, Strahlentherapie, Chirurgie, zielgerichtete Therapien/Immuntherapie)
    • Inzidenz in Deutschland: Ca. 78.000 Neuerkrankungen/Jahr im Alter von 0–40 Jahren
  • Gonadotoxizität: Partielle oder komplette Schädigung der Keimzellen und der Gonadenfunktion
  • Psychosoziale Aspekte: Hohe Belastung durch drohende Infertilität, oft vergleichbar mit der Belastung durch die maligne Erkrankung selbst
    • Kinderwunsch: Besteht bei ca. 76% der betroffenen Frauen und Männer
    • Therapieakzeptanz: Jede:r 7. Patient:in wäre bereit, eine verringerte onkologische Sicherheit für die Erfüllung eines späteren Kinderwunsches zu akzeptieren
  • Beratung und Versorgung: Integraler Bestandteil der onkologischen Behandlung
    • Interdisziplinäre Kooperation: Enge Zusammenarbeit zwischen Onkologie und Reproduktionsmedizin in zertifizierten Zentren erforderlich
    • Versorgungsrealität: Ohne spezielle Schulung führen nur ca. 6,7% der Ärzt:innen ein entsprechendes Gespräch; nach Schulungsmaßnahmen steigt dieser Anteil auf ca. 46%
    • Mitunter erschwerte Entscheidungsfindung für oder gegen eine fertilitätserhaltende Therapie [1]
  • Prognose bei Schwangerschaft: Keine Verschlechterung der onkologischen Prognose durch Schwangerschaft nach Erkrankung

Die Einschätzung des Infertilitätsrisikos und die Beratung über fertilitätserhaltende Maßnahmen müssen interdisziplinär und zwingend vor Beginn der onkologischen Therapie erfolgen!

Während und nach einer gonadotoxischen Therapie (für mind. 6–12 Monate) ist eine sichere Empfängnisverhütung erforderlich, da die Behandlungen teratogen wirken können!

Gonadotoxizität bei Mädchen/Frauentoggle arrow icon

Ursachen der Gonadotoxizität bei Frauen

Der gonadotoxische Effekt einer Therapie ist individuell unterschiedlich und oft unzureichend kalkulierbar!

Frauen, die potenziell gonadotoxische Medikamente erhalten, müssen zwingend über das Risiko einer Infertilität aufgeklärt werden!

Fertilitätsprotektion bei Mädchen/Frauentoggle arrow icon

Organerhaltende Operationsverfahren

Ovariopexie und Gonadenschutz bei Bestrahlung

  • Konzept: Chirurgische Verlagerung der Ovarien aus dem Bestrahlungsfeld zur Reduktion der radiogenen Gonadotoxizität
  • Durchführung: Meist laparoskopisch; Fixierung der Ovarien mind. 2 cm kranial des Beckenkamms
    • Markierung der Position mittels Metall-Clips zur Lagekontrolle bei der Bestrahlungsplanung
  • Ergebnisse: Erhalt der Ovarialfunktion in ca. 62% der Fälle

GnRH-Agonisten

  • Indikation: Additive Option zum Schutz der Ovarien während einer gonadotoxischen Chemotherapie
  • Stellenwert: Aufgrund heterogener Studienlage als alleinige Maßnahme zur Fertilitätsprotektion nicht ausreichend
  • Zusatznutzen: Vermeidung thrombozytopenisch bedingter Menorrhagien unter onkologischer Therapie

Kryokonservierung

  • Oozyten, Vorkernstadien und Embryonen
    • Verfahren: Vitrifikation als aktueller Goldstandard
    • Ovarielle Stimulation: Start zu jedem Zeitpunkt im Zyklus möglich (sog. Random-Start-Stimulation); Zeitbedarf ca. 2 Wochen
    • Reproduktive Autonomie: Bei bestehender Partnerschaft ggf. Splitting-Strategie ; präferenziell Kryokonservierung unbefruchteter Oozyten zur Wahrung der reproduktiven Unabhängigkeit der Frau
    • Erfolgsaussichten: Stark altersabhängig
  • Ovarialgewebe
    • Vorteil: Sofortige Durchführung unabhängig vom Zyklus; einzige Option für präpubertäre Mädchen
    • Transplantation: Orthotope Replantation nach Abschluss der onkologischen Therapie
    • Zu 60–95% Wiederherstellung der ovariellen Funktion mit Wiederaufnahme der endokrinen Funktion nach i.d.R. 4–6 Monaten
    • Risiko: Potenzielle Übertragung maligner Zellen

Fertilitätserhaltende oder wiederherstellende Maßnahmen bei Uterusbestrahlung

  • Uterine Shielding: Einsatz von Bleiabschirmungen zur Reduktion der Strahlenbelastung
  • Uterustransposition: Operative Verlagerung des Uterus aus dem Bestrahlungsfeld vor Beginn der Radiatio
  • Uterustransplantation: Option bei irreversiblem Funktionsverlust oder Fehlen des Uterus

Die verschiedenen fertilitätserhaltenden Maßnahmen können zur Steigerung der Effektivität auch kombiniert werden.

Ausgewählte Tumoren bei Frauentoggle arrow icon

Mammakarzinom

Sarkome

Kolorektale Karzinome

Weitere Tumoren

Bei der Reimplantation von kryokonserviertem Ovargewebe muss zuvor das mögliche Rezidivrisiko besprochen werden.

Bei Patientinnen im reproduktiven Alter mit Rektum-/Magenkarzinom soll die Beratung über fertilitätserhaltende Maßnahmen idealerweise bereits vor Durchführung einer Staging-Laparoskopie erfolgen! So kann eine Gewebeentnahme im Rahmen des Eingriffs mit erfolgen, sofern dies gewünscht wird.

Gonadotoxizität bei Jungen/Männerntoggle arrow icon

Ursachen der Gonadotoxizität bei Männern

Männer und Jungen sollen vor jeder potenziell gonadotoxischen oder operativen Therapie über das Risiko einer Infertilität und die Möglichkeit fertilitätserhaltender Maßnahmen aufgeklärt werden.

Eine Azoospermie im Ejakulat ist nicht gleichbedeutend mit einer testikulären Azoospermie; mittels testikulärer Spermienextraktion (TESE) können in bis zu 75% der Fälle dennoch Spermien gewonnen werden.

Fertilitätsprotektion bei Jungen/Männerntoggle arrow icon

Kryokonservierung

  • Ejakulat: Etabliertes Standardverfahren für männliche Jugendliche und Erwachsene
    • Zeitpunkt: Zwingend vor Beginn der potenziell keimzellschädigenden Therapie
    • Gewinnung: I.d.R. durch Masturbation
    • Besonderheiten
      • Kryovorgang → Verlust vitaler Zellen um ca. 50%
      • Kein Hinweis auf erhöhtes Missbildungsrisiko für Nachkommen
      • Bei reduzierter Spermienqualität: Ggf. zweites Depot
      • Voraussetzung: HIV-/Hepatitis-Test (max. 3 Monate alt)
  • Hodengewebe (TESE): Indiziert bei Azoospermie oder Aspermie
    • Verfahren: Operative Gewinnung von Spermien aus Hodengewebe
    • Kryokonservierung

Gonadenschutz bei Bestrahlung

  • Konzept: Einsatz eines gonadalen Schutzschildes zur Reduktion der Strahlendosis am Hoden
  • Effektivität: Reduktion der Dosis um das 3- bis 10-fache
  • Einschränkung: Kein vollständiger Schutz aufgrund von Streustrahlung; die Spermatogenese reagiert bereits auf geringe Dosen hochempfindlich [2]

Experimentelle Ansätze

  • Spermatogoniale Stammzellen (SSC): Einzige Option für präpubertäre Jungen
    • Verfahren: Kryokonservierung von unreifem Hodengewebe mittels Hodenbiopsie
    • Forschungsstatus [2]

Bei Jugendlichen >12 Jahre sollte ggf. die Kryokonservierung von Hodengewebe (TESE) und die Kryokonservierung spermatogonialer Stammzellen (SSC) angeboten werden. Bei präpubertären Jungen ist die Spermatogenese noch nicht initiiert, sodass hier nur die Kryokonservierung spermatogonialer Stammzellen (SSC) möglich ist!

Ausgewählte Tumoren bei Männerntoggle arrow icon

Hodentumoren

  • Hintergrund: Häufigste Krebserkrankung bei jungen Männern ; Fertilität oft bereits bei Diagnosestellung durch die Grunderkrankung eingeschränkt
    • Samenqualität: Bei ca. 75% der Betroffenen reduziert
    • Azoospermie: Liegt bei ca. 15% bereits initial vor
  • Kryokonservierung von Spermien: Obligates Angebot für alle Patienten bei V.a. Keimzelltumor
    • Zeitpunkt: Zwingend vor Beginn therapeutischer Maßnahmen
    • Besonderheit: Bei negativen β-hCG-Werten ist die Ejakulatqualität vor der Orchiektomie meist besser als zu einem späteren Zeitpunkt.
  • Onko-TESE: Operative Spermiengewinnung bei vorbestehender Azoospermie oder Anejakulation [2]
  • Prognose der Erholung: Abhängig von der Therapieintensität [2]

Solide Tumoren

Auch bei älteren Patienten besteht oft der Wunsch nach Fertilitätsprotektion. Daher sollten die Möglichkeiten zum Erhalt der Fertilität unabhängig vom Alter individuell besprochen werden.

Hämatologische Neoplasien

Bei hämatologischen Neoplasien sollte die Kryokonservierung von Spermien aufgrund der variablen Erholungsphasen (bis zu 10 Jahre) und der Rezidivgefahr grundsätzlich allen Patienten vor Therapiebeginn angeboten werden.

Maligne Erkrankungen im Kindes- und Jugendaltertoggle arrow icon

  • Hintergrund: Hoher Stellenwert der Fertilitätsprotektion aufgrund verbesserter Überlebensraten
  • Risikofaktoren: Besonders hohes Risiko (>⅔) bei folgenden Behandlungen
  • Aufklärung und Beratung: Altersgerechte Information von Patient:innen und Sorgeberechtigten vor Therapiebeginn
    • Interdisziplinäres Team: Einbeziehung von Kinderonkologie, Reproduktionsmedizin/Andrologie und Kinderendokrinologie
    • Inhalt: Individuelles Risiko, fertilitätserhaltende Optionen sowie Alternativen (z.B. Adoption)
    • Nachkommengesundheit: Hinweis auf fehlende Evidenz für ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko bei Kindern ehemaliger Patient:innen [2]
  • Monitoring: Kontrolle der Pubertäts- und Fertilitätsentwicklung in der Nachsorge
  • Fertilitätserhaltende Maßnahmen
    • Mädchen
      • Kryokonservierung von Ovarialgewebe: Einzige Option bei prä- und peripubertären Mädchen
      • Kryokonservierung von Oozyten: Postpubertär möglich
      • Ovariopexie: Bei geplanter Beckenbestrahlung
      • GnRH-Agonisten: Wirksamkeit im Jugendalter nicht erwiesen; kein Einsatz vor der Pubertät
    • Jungen
      • Kryokonservierung von Spermien: Postpubertär (Ejakulat, TESE)
      • Kryokonservierung von immaturem Hodengewebe: Experimenteller Ansatz vor der Pubertät
  • Kostenübernahme: Kassenleistung ab der Pubertät in Deutschland (seit 2021) und der Schweiz (seit 2019) [4]

Die Beratung über Fertilitätsrisiken sollte wiederholt bei allen Nachsorgeterminen mit den heranwachsenden Patient:innen besprochen werden!

Weitere Aspektetoggle arrow icon

Psychologische und ethische Aspekte

  • Psychische Belastung: Diagnose als existenzielle Krise
    • Reaktion: Schock und Angst bzgl. Infertilität bei ca. 14% der Betroffenen
    • Entscheidungskonflikt: Zeitdruck zwischen Diagnosestellung und notwendigem Therapiestart
  • Beratungskonzept: Biopsychosoziale Anamnese als Grundlage
    • Inhalte: U.a. Lebenssituation, psychische Vulnerabilität, Sexualität, Kosten, Risiken und Erfolgsaussichten
    • Einbeziehung: Proaktive Adressierung von Partner:innen sowie gemeinsame Beratung mit Eltern bei Adoleszenten
  • Ethische Prinzipien: Berücksichtigung von Patientenautonomie, Schadensvermeidung, Fürsorge und Gerechtigkeit
    • Rechtliche Rahmenbedingungen: Eizellspende und Leihmutterschaft in Deutschland aktuell gesetzlich nicht zugelassen

Patient:innen mit Krebserkrankungen haben ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen und sollten frühzeitig psychologische Unterstützung erhalten!

Nachbeobachtung

  • Frauen: Evaluation des endokrinen Status und der Fertilitätsreserve
  • Männer: Überprüfung der endokrinen und exokrinen Hodenfunktion
    • Spermatogenese: Evaluation der Wiederherstellung frühestens 6–12 Monate nach Therapieende
      • Erholungsdauer: Dosisabhängig
      • Genetische Integrität: Erhöhte Aneuploidieraten und DNA-Fragmentierung der Spermien bis zu 2–3 Jahre nach Therapieende möglich
    • Hormonstatus: Jährliche Kontrolle auf Symptome eines Testosteronmangels inkl. Hormonanalyse
    • Sexuelle Gesundheit: Jährliche Befragung zu Libidoverlust, erektiler Dysfunktion oder anderen Einschränkungen des Sexuallebens

Auch bei einer persistierenden Azoospermie 3 Jahre nach Therapieende besteht weiterhin die Möglichkeit einer späteren spontanen Reinitiierung der Spermatogenese!

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