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Chronische Beckenschmerzsyndrome

Letzte Aktualisierung: 5.2.2026

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Chronische Beckenschmerzsyndrome (chronische pelvine Schmerzsyndrome, CPPS) umfassen ein heterogenes Spektrum anhaltender Schmerzen im Becken- oder Unterbauchbereich. Die Terminologie verschiebt sich dabei weg von irreführenden Entzündungsbegriffen mit der Endung „-itis“ hin zu einer phänomenologischen Beschreibung als Schmerzsyndrome. Trotz internationaler Harmonisierungsversuche bleiben die Definitionen zwischen Fachgesellschaften jedoch oft uneinheitlich.

Eine zentrale Herausforderung ist die klinische Abgrenzung der Syndrome. Während klassisch strikt zwischen primären Schmerzsyndromen und sekundären Schmerzsyndromen unterschieden wird, sehen aktuelle Leitlinien diese Trennung kritisch. In der Praxis zeigen sich meist fließende Übergänge: Somatische Ursachen und funktionelle Faktoren (z.B. eine zentrale Sensibilisierung oder Beckenbodenhypertonie) treten oft gemeinsam auf und verstärken sich gegenseitig. Moderne klinische Konzepte integrieren daher Organpathologien direkt in das Management, statt sie als Ausschlusskriterium zu werten.
Das Spektrum umfasst organspezifische Manifestationen wie das Blasenschmerzsyndrom oder das Prostataschmerzsyndrom sowie gynäkologische, skrotale, urethrale und anorektale Syndrome. Auch gastrointestinale Beschwerden wie das Reizdarmsyndrom zeigen häufig Überlappungen mit chronischen Beckenschmerzsyndromen. Pathophysiologisch spielen neben der zentralen Sensibilisierung des Nervensystems auch lokale Faktoren wie Urothelschäden mit defekter GAG-Schicht, chronische muskuläre Verspannungen des Beckenbodens sowie psychosoziale Einflüsse eine Rolle.

Die Therapie erfolgt konsequent multimodal und individuell. Sie kombiniert Physiotherapie (besonders bei Beckenbodenhypertonie), Schmerzmedikation, Stressmanagement und psychologische Unterstützung. Dabei können Antibiotika bei bakteriellen Triggern oder operative Sanierungen bei Endometriose notwendige Bausteine innerhalb eines übergeordneten Gesamtkonzepts sein, während operative Eingriffe am betroffenen Organ selbst lediglich als Ultima Ratio gelten.

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Definitiontoggle arrow icon

  • Keine international einheitliche Definition
  • Leitsymptom: Chronische Schmerzen oder Missempfindungen im Beckenbereich (Perineum, Unterbauch, Genitalien)
  • ICD-11 / European Association of Urology (EAU)
    • Chronisches primäres Beckenschmerzsyndrom (Chronic primary pelvic Pain Syndrome, CPPPS): Schmerz als eigenständiges Krankheitsbild ohne klare organische Ursache
    • Chronisches sekundäres Beckenschmerzsyndrom: Schmerz als Symptom einer Grunderkrankung (z.B. Endometriose, Infektion)
    • Organspezifische Zuordnung
  • National-Institutes-of-Health(NIH)-Klassifikation
    • NIH III: Kein Keimnachweis
      • IIIa: Inflammatorisch (Leukozytennachweis)
      • IIIb: Nicht-inflammatorisch (keine Leukozyten)
  • Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe
    • Chronisches Schmerzgeschehen
    • Keine strikte klinische Trennung zwischen rein somatischer und rein psychogener Ursache
    • Definition basiert auf einer individuellen Gewichtung somatischer und psychischer Faktoren
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Epidemiologietoggle arrow icon

  • Ca. 15–20% aller Frauen betroffen [1][2]
  • Ca. 8% aller Männer betroffen [3]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

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Ätiologietoggle arrow icon

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Klassifikationtoggle arrow icon

UPOINTS-Klassifikation der chronischen Beckenschmerzsyndrome [3][3][4][6]
Problembereich Symptome / klinisches Bild (Beispiele)
U („urinary“)
  • Miktionsbeschwerden, z.B.
    • Entleerungsstörung
    • Speicherstörung
P („psychosocial“)
O („organ-specific“)
  • Prostataschmerzen
  • Suprapubische Blasenschmerzen
  • Hodenschmerzen
  • Hämatospermie
  • Kalzifikationen
  • Miktionsbeschwerden
  • Harnröhrenschmerzen
I („infection“)
N („neurologic“)
T („tenderness“)
S („sexual dysfunction“)
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Diagnostiktoggle arrow icon

Im Folgenden werden diagnostische Maßnahmen aufgeführt, die bei jeder Person mit chronischen Schmerzen im Bereich des Beckens erfolgen sollen. Die spezifische Diagnostik der einzelnen Beckenschmerzsyndrome wird in den jeweiligen Sektionen aufgezeigt.

  • Ziele
    • Individuellen Problembereich bestimmen
    • Psychosoziale Komorbiditäten erkennen
  • Anamnese
    • Lokalisation, Art, Häufigkeit und Dauer des Schmerzes
    • Urologische Aspekte
    • Gynäkologische Aspekte
    • Gastroenterologische/proktologische Aspekte
    • Neurologische Aspekte
    • Psychosoziale Aspekte
  • Körperliche Untersuchung: Druckschmerz, Hautveränderungen, Raumforderungen, Verletzungen, Muskelfunktion, insb.
  • Labordiagnostik und Mikrobiologie: Infektionsausschluss
  • Hilfreiche Scores
    • National Institutes of Health Chronic Prostatitis Symptom Index (NIH-CPSI)
    • International Prostate Symptom Score (IPSS)
    • O’Leary-Sant Symptom Index
    • Brief Pain Inventory
    • International Index of Erectile Function (IIEF-5)
    • Female Sexual Function Index (FSFI)

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Differenzialdiagnosentoggle arrow icon

Bei der diagnostischen Einordnung wird zwischen primären Schmerzsyndromen und sekundären Schmerzsyndromen unterschieden, wobei die strikte Abgrenzung auch kritisch gesehen wird. Die folgenden Erkrankungen sollten differenzialdiagnostisch betrachtet bzw. als Bausteine im Gesamtkonzept berücksichtigt werden. [3][6]

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Therapietoggle arrow icon

Im Folgenden werden therapeutische Maßnahmen aufgeführt, die bei jeder Person mit chronischen Schmerzen im Bereich des Beckens sinnvoll sein können. Die spezifische Therapie der einzelnen Beckenschmerzsyndrome wird in den jeweiligen Sektionen aufgezeigt.

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Syndrome (Auswahl)toggle arrow icon

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Urethrales Schmerzsyndromtoggle arrow icon

  • Definition: Chronischer oder wiederkehrender episodischer Schmerz, der in der Urethra wahrgenommen wird, ohne Nachweis einer Infektion oder einer anderen offensichtlichen lokalen Pathologie
  • Schmerzdauer [4]
    • ≥3 Monate
    • ≥6 Monate bei zyklischen Beschwerden
  • Einflussfaktoren
  • Klinische Manifestationen
    • Negative kognitive, verhaltensbezogene, sexuelle oder emotionale Folgen
    • LUTS
    • Sexuelle Funktionsstörungen
    • Störungen der Darmfunktion
    • Gynäkologische Symptome
  • Diagnostik, siehe: CPPS - Diagnostik
  • Therapie, siehe auch: CPPS - Therapie
    • Keine spezifische Behandlung für das primäre urethrale Schmerzsyndrom verfügbar
    • Ggf. Lasertherapie der Trigonalregion
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Schmerzsyndrome des Anustoggle arrow icon

Chronisches Analschmerzsyndrom

Intermittierendes chronisches Analschmerzsyndrom

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Chronischer Unterbauchschmerz der Frautoggle arrow icon

Während internationale Klassifikationen (ICD-11) zwischen primärem Schmerzsyndrom und sekundärem Schmerzsyndrom unterscheiden, löst die deutsche S2k-Leitlinie „Chronischer Unterbauchschmerz der Frau“ diese Trennung zugunsten eines biopsychosozialen Modells auf. Sie klassifiziert den Schmerz danach, ob somatische, psychische oder eine Kombination aus beiden Faktoren vorliegen, um der Komplexität gynäkologischer Schmerzbilder gerecht zu werden. [5]

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Prostataschmerzsyndromtoggle arrow icon

  • Klassifikation der National Institutes of Health: Typ-III-Prostatitis [6]
    • Typ IIIa: Inflammatorische Variante [3][6]
    • Typ IIIb: Nicht-inflammatorische Variante [3][6]
  • Schmerzdauer [6]
    • Symptombeginn: Vor ≥6 Monaten
    • Symptome seit ≥3 Monaten
  • Epidemiologie: Ca. 5–8% aller Männer
  • Ätiologie: Multifaktoriell
  • Klinische Manifestationen
  • Diagnostik, siehe auch: CPPS - Diagnostik
    • Ausschlussdiagnose!
    • Ausführliche Anamnese
    • Validierter Fragebogen zur Erhebung der Symptome: NIH-Chronic Prostatitis Symptom Index (NIH-CPSI)
    • Klinische Untersuchung, inkl. Untersuchung des Beckenbodens (Schmerzpunkte)
    • 4-Gläser-Probe, alternativ: 2-Gläser-Probe (Ausschluss einer bakteriellen Entzündung)
    • Ggf. weiterführende Untersuchungen je nach Beschwerdebild (z.B. bildgebende Verfahren, Urodynamik, Zystoskopie)
  • Therapie, siehe auch: CPPS - Therapie
    • Empirische antimikrobielle Therapie
      • Wenn bisher nicht erfolgt
      • Symptome seit <1 Jahr
      • Für mind. 6 Wochen
    • Alphablocker: Bei LUTS-Symptomen seit <1 Jahr
    • NSAR: Kurzfristig bei Schmerzexazerbation
  • Prognose [9]
    • Bei 60%: Keine Beschwerden mehr nach 6 Monaten
    • Bei 20%: Variabler Verlauf
    • Bei 20%: Chronifizierung

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Schmerzsyndrome des männlichen äußeren Genitalstoggle arrow icon

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026toggle arrow icon

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.

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