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Bipolare affektive Störung

Letzte Aktualisierung: 29.11.2022

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Bipolare Störungen gehören zu den affektiven Erkrankungen und zeichnen sich durch einen Wechsel depressiver und/oder manischer/hypomanischer Phasen mit i.d.R. dazwischenliegenden symptomfreien Intervallen aus. Depressive Symptome entsprechen dabei denen einer unipolaren Depression (gedrückte Stimmung, Interessen- und Antriebsverlust), wohingegen manische Phasen mit gehobener Stimmung, vermehrtem Antrieb und ggf. leichtsinnigem und rücksichtslosem Verhalten einhergehen. Je nach Ausprägung kann es dabei zu erheblichen sozialen Schwierigkeiten und Beeinträchtigungen kommen.
Ätiologisch wird ein komplexes Vulnerabilitäts-Stress-Modell angenommen, wobei die Bedeutung genetischer Faktoren insgesamt sehr groß ist. Bipolare Störungen beginnen in der Mehrzahl der Fälle um das 18. Lebensjahr herum und somit früher als unipolare Depressionen.
Diagnostisch ist der Ausschluss einer organischen Genese wichtig, denn sowohl manische als auch depressive Symptome können durch eine Vielzahl körperlicher Erkrankungen bedingt sein.
Eine manische Episode wird akut mit Stimmungsstabilisierern und/oder Antipsychotika behandelt. Mittel der Wahl zur Behandlung bipolarer Depressionen ist Quetiapin, aber auch Stimmungsstabilisierer und Antidepressiva (CAVE: Switch-Risiko) kommen zum Einsatz. Um Rezidiven vorzubeugen, ist eine medikamentöse Phasenprophylaxe meist unumgänglich. Hier ist Lithium nach wie vor Mittel der Wahl.

Affektive Störungen sind eine Störungsgruppe mit dem Hauptmerkmal einer veränderten Stimmung, innerhalb welcher die unipolare Depression mit ca. 65% den größten Anteil ausmacht. Die grobe Einteilung der affektiven Störungen erfolgt gemäß der Polarität und dem zeitlichen Verlauf. [1]

Einteilung der affektiven Störungen
Unipolar Bipolar
Monophasisch
Polyphasisch
Anhaltend (>2 Jahre)

  • Lebenszeitprävalenz [1][3][4]
    • Allgemeinbevölkerung: 3–5% [2]
    • Erhöhung bei familiärer Belastung
      • Risiko, wenn ein Elternteil betroffen ist: Ca. 20%
      • Risiko, wenn beide Elternteile betroffen sind: Ca. 55%
      • Konkordanzrate bei eineiigen Zwillingen: Ca. 80%
      • Konkordanzrate bei zweieiigen Zwillingen: Ca. 15–20%
  • Jahresprävalenz (Stand 2014): 1–2%
  • Alters- und Geschlechterverteilung
    • Erkrankungsbeginn: Ca. 18. Lebensjahr [4]
    • Geschlecht: = [3]

Bipolare Störungen beginnen in der Mehrzahl der Fälle in der Adoleszenz und damit früher als unipolare Depressionen!

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Die Ursache der bipolaren Störung ist bis heute nicht abschließend geklärt. Sie ist am ehesten multifaktoriell bedingt und insb. durch genetische und neurobiologische, aber auch psychosoziale Einflüsse zu erklären. Dabei wird von einem komplexen Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modell ausgegangen. [1][3][5]

  • Genetische Faktoren
    • Heritabilität spielt insg. große Rolle (ca. 80%), ist jedoch keinesfalls als alleinger Einflussfaktor zu sehen [6]
    • Genauer Erbgang nicht bekannt
  • Neurobiologische Aspekte siehe: Neurobiologische Aspekte affektiver Störungen
  • Psychosoziale Stressoren, bspw. frühkindliche Traumen, Gewalterfahrung und emotionale Vernachlässigung [6]

Die Heritabilität der bipolaren Störung ist eine der höchsten aller psychiatrischer Erkrankungen!

Bipolare Störungen sind gekennzeichnet durch einen Wechsel depressiver und/oder manischer/hypomanischer Phasen mit i.d.R. dazwischenliegenden symptomfreien Intervallen. Typischerweise überwiegen dabei depressive Phasen, während manische Phasen nur ca. 10–20% der Erkrankungsepisoden ausmachen. Je nach Ausprägung werden unterschiedliche Verlaufsformen unterschieden. [1]

Manische Episode [4]

Klinisch lassen sich unterschiedliche Formen der Manie unterscheiden: euphorisch, dysphorisch/gereizt, psychotisch. [3][6]

Eine manische Episode ist eine schwere psychische Erkrankung, die zu psychosozialen, beruflichen und privaten Problemen führen kann! Sie geht i.d.R. mit einer Geschäftsunfähigkeit einher! [1]

Selbst bei einer reinen manischen Phase können abrupt kurze, nur für wenige Minuten bis Stunden anhaltende, depressive Verstimmungen auftreten, die nicht selten mit konkreten Suizidimpulsen einhergehen!

Depressive Episode (bipolare Depression)

Gemischte Episode [3][4]

Rapid Cycling (F31.81) [4][7][8]

  • Definition: Schwerwiegende Form der bipolaren Störung mit mind. 4 Phasenwechseln innerhalb eines Jahres (Manien/Hypomanien und/oder Depressionen bzw. gemischte Episoden) [9]
    • Ultra rapid Cycling: Mind. 4 Phasenwechsel innerhalb eines Monats
  • Epidemiologie
  • Ätiologie: Genaue Ursachen sind noch nicht ausreichend geklärt
  • Klinische Relevanz
    • Höheres Suizidrisiko
    • Schwerere Symptomatik
    • Vermehrte Komorbiditäten
    • Schlechteres Therapieansprechen
    • Größere Einschränkungen des ursprünglichen Funktionsniveaus
    • Ungünstigere Prognose
  • Therapie [3][6]

Die Diagnose einer bipolaren Störung kann schwierig sein, da insb. hypomane Symptome von Betroffenen selbst nicht als krankhaft erlebt werden. Zudem zeigen manche Patient:innen über Jahre hinweg nur depressive Symptome, weshalb dann häufig zunächst eine rezidivierende depressive Störung diagnostiziert wird. Nach der ersten manischen Episode muss die Diagnose "ex post" (nachträglich) auf eine bipolare affektive Störung umgestellt werden.

Exploration [1]

Hinweise auf einen bipolaren Verlauf affektiver Störungen [3]

Bei jeder depressiven Symptomatik sollten hypomanische/manische Symptome immer gezielt abgefragt werden!

Die am häufigsten gestellte Fehldiagnose ist eine unipolare Depression! [6]

Ausschluss organischer Ursachen [3]

Sowohl manische als auch depressive Symptome können durch eine Vielzahl körperlicher Erkrankungen bedingt sein. Siehe auch: Somatische Differenzialdiagnosen bipolarer Störungen.

Störungsspezifische Tests [3]

Diagnostische Kriterien [9]

Diagnostische Kriterien einer bipolaren affektiven Störung (F31–F31.9) [6][9]

Die Diagnose einer bipolaren Störung kann nur gestellt werden, wenn mind. 2 zeitlich klar abgrenzbare affektive Episoden aufgetreten sind, von denen eine hypomanisch/manisch oder gemischt sein muss.

Subtypisierung der bipolaren Störung [6]

  • Bipolar-I-Störung: Manische/gemischte Episoden, i.d.R. im Wechsel mit depressiven Episoden [10]
  • Bipolar-II-Störung: Eine oder mehrere hypomanische Episoden und mind. 1 depressive Episode [6]

Diagnostische Kriterien einer Hypomanie (F30.0) [9]

Diagnostische Kriterien einer Hypomanie nach ICD-10 [9]
A
  • Die Stimmung ist in einem für die betroffene Person deutlich abnormen Ausmaß an mind. 4 aufeinander folgenden Tagen gehoben oder gereizt
B
  • Mind. 3 der folgenden Merkmale sind vorhanden und beeinträchtigen die persönliche Lebensführung
    • Gesteigerte Aktivität oder motorische Ruhelosigkeit
    • Gesteigerte Gesprächigkeit
    • Konzentrationsschwierigkeiten oder Ablenkbarkeit
    • Vermindertes Schlafbedürfnis
    • Gesteigerte Libido
    • Übertriebene Geldausgaben (Einkäufe) oder andere Arten von leichtsinnigem oder verantwortungslosem Verhalten
    • Gesteigerte Geselligkeit oder übermäßige Vertraulichkeit
C
D

Diagnostische Kriterien einer Manie (F30.1, F30.2)

Manie ohne psychotische Symptome (F30.1)

Diagnostische Kriterien einer Manie ohne psychotische Symptome nach ICD-10 (F30.1)
A
  • Die Stimmung ist vorwiegend gehoben, expansiv oder gereizt und für die betroffene Person deutlich abnorm
  • Dieser Stimmungswechsel muss dominieren
  • Dauer: ≥1 Woche
B
  • Mind. 3 der folgenden Merkmale liegen vor und verursachen eine schwere Störung der alltäglichen Lebensführung
    • Gesteigerte Aktivität oder motorische Ruhelosigkeit
    • Gesteigerte Gesprächigkeit („Rededrang“)
    • Ideenflucht oder subjektives Gefühl von Gedankenrasen
    • Verlust normaler sozialer Hemmungen, was zu einem den Umständen unangemessenen Verhalten führt
    • Vermindertes Schlafbedürfnis
    • Überhöhte Selbsteinschätzung oder Größenwahn
    • Ablenkbarkeit oder andauernder Wechsel von Aktivitäten oder Plänen
    • Tollkühnes oder rücksichtsloses Verhalten, dessen Risiken die betroffene Person nicht erkennt
    • Gesteigerte Libido oder sexuelle Taktlosigkeit
C
D

Manie mit psychotischen Symptomen (F30.2)

Diagnostische Kriterien einer Manie mit psychotischen Symptomen nach ICD-10 (F30.2)
A
B
  • Die Episode erfüllt nicht gleichzeitig die Kriterien für eine Schizophrenie (F20.0F20.3) oder eine schizomanische Störung (F25.0)
C
D
Differenzierung

Diagnostische Kriterien einer depressiven Episode

Siehe hierzu: Diagnostische Kriterien einer depressiven Episode nach ICD-10

Verlaufsdiagnostik [3][6]

Bei bipolaren Störungen kommt es sehr häufig zu komorbid auftretenden psychischen und somatischen Erkrankungen, die Auswirkungen auf den Verlauf, die Prognose und die Therapie haben. [3]

Differenzialdiagnostisch können für ein depressives und/oder manisches Syndrom zahlreiche psychiatrische und somatische Krankheitsbilder sowie pharmakogene bzw. substanzinduzierte Ursachen infrage kommen. Im Folgenden aufgeführt sind beispielhafte, wichtige Ursachen ohne Anspruch auf Vollständigkeit. [1][3]

Psychiatrische Differenzialdiagnosen

Somatische Differenzialdiagnosen

Pharmakogene Ursachen

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Zyklothymia (F34.0) wird nach ICD-10 zu den anhaltenden affektiven Störungen gezählt.

Diagnostische Kriterien der Zyklothymia nach ICD-10 [9]
A
  • Stimmungsinstabilität mit mehreren Perioden von leichter Depression und Hypomanie
  • Mit oder ohne euthyme Intervalle
  • Dauer: ≥2 Jahre
B
  • Die Kriterien für eine manische oder eine mittelgradige oder schwere depressive Episode werden während einer solchen 2-jährigen Periode nicht erfüllt
C
  • Wenigstens während einiger depressiver Episoden sollten mind. 3 der folgenden Symptome vorhanden sein
    • Verminderter Antrieb oder Aktivität
    • Ausgeprägte Schlafstörungen
    • Verlust des Selbstvertrauens oder Gefühl von Unzulänglichkeit
    • Konzentrationsschwierigkeiten
    • Sozialer Rückzug
    • Verlust des Interesses oder der Freude an Sexualität und anderen angenehmen Aktivitäten
    • Verminderte Gesprächigkeit
    • Pessimismus im Hinblick auf die Zukunft oder Grübeln über die Vergangenheit
D
  • Wenigstens während einiger Perioden mit gehobener Stimmung sollten 3 der folgenden Symptome vorhanden sein
    • Vermehrter Antrieb oder Aktivität
    • Herabgesetztes Schlafbedürfnis
    • Überhöhtes Selbstgefühl
    • Geschärftes oder ungewöhnlich kreatives Denken
    • Gesteigerte Geselligkeit
    • Gesprächiger oder witziger als sonst
    • Gesteigertes Interesse an und sich Einlassen in sexuelle und andere angenehme Aktivitäten
    • Überoptimistisch oder Übertreiben früherer Erfolge

Allgemein [3][6][8]

Die Therapie gestaltet sich individuell unterschiedlich und hängt von einer Reihe verschiedener Faktoren ab.

Zur Reduktion von Zwangsmaßnahmen sollte zusammen mit den Patient:innen eine schriftliche Behandlungsvereinbarung getroffen werden!

Behandlungsphasen

  • Akuttherapie
    • Ziele
    • Dauer: Tage bis Wochen
  • Ggf. Erhaltungstherapie [3]
    • Ziel: Reduktion des Rückfallrisiko durch Fortführung der Akuttherapie
    • Dauer: 3–6 Monate
  • Ggf. Phasenprophylaxe [4][6][8]
    • Ziele
      • Rezidivprophylaxe zur Vermeidung/Abschwächung weiterer affektiver Episoden
      • Medikamentöse Monotherapie bevorzugen
    • Dauer: Viele Jahre, ggf. lebenslang

Akuttherapie einer (hypo)manischen Episode [3][6]

Allgemein [4]

Medikamentöse Therapie [3][11]

Manische Patient:innen sind i.d.R. nicht krankheitseinsichtig und damit weniger zugänglich für Psychotherapie. Der Schwerpunkt liegt hier auf der medikamentösen Therapie.

Allgemeines Vorgehen

  • Monotherapie bevorzugen
    • Schwere Manie: I.d.R. Kombinationsbehandlung notwendig
  • Antidepressive Therapie beenden [8]

Wahl des Pharmakons

Medikamentöse Akuttherapie einer manischen Episode [3][6][8]
Empfohlene Substanzen Indikation
Euphorische Manie Dysphorisch/Gereizte Manie Psychotische Manie
Lithium p.o.a
  • 1. Wahl

Atypische Antipsychotika

  • 2. Wahl
  • 1. Wahl
  • 1. Wahl [8]
Valproat p.o. (Retardpräparat)a,b,c
  • 2. Wahl
  • 2. Wahl

Typische Antipsychotika, bspw. Haloperidol

  • Mittelschwere bis schwere manische Episode
  • Akuter psychomotorischer Erregungszustand
  • Wenn möglich, nur in Notfallsituationen und zur kurzzeitigen Therapie!
Carbamazepin (Retardpräparat) (Off-Label Use)
  • Mittel der 2. Wahl
  • Nur in Einzelfällen aufgrund des hohen Interaktionspotenzials und der starken Sedierung!
Paliperidon (Off-Label Use)
  • Hohe Zuzahlungen für gesetzlich krankenversicherte Personen nötig
  • Insg. geringe Datenlage
Cariprazin (Off-Label Use)
  • Bisher nur in den USA zur Therapie bipolarer Störungen zugelassen (manische und depressive Episoden)
Benzodiazepine, bspw. Lorazepam
  • Kurzzeitige supportive Gabe bei Agitiertheit möglich
Loxapin
Legende
  • a: Zur Phasenprophylaxe geeignet
  • b: Beachtung einschränkender Faktoren, insb. Teratogenität! Für genauere Informationen siehe: Fachinformation [12]
  • c: Zugelassen, wenn Lithium kontraindiziert ist oder nicht vertragen wird
  • d: Zugelassen bei mittelschwerer bis schwerer Manie
  • e: Zugelassen bei leichter bis mittelschwerer Manie

Benzodiazepine können bei agitierten und dysphorisch/gereizten Manien zusätzlich angewendet werden. Aufgrund des Abhängigkeitspotenzials sollte der Einsatz jedoch zeitlich begrenzt sein!

Valproat ist in der Schwangerschaft absolut kontraindiziert! Frauen im gebährfähigen Alter dürfen Valproat nur unter den Voraussetzungen eines sog. Schwangerschaftsverhütungsprogramms erhalten! (Für genauere Informationen siehe: Fachinformation [12])

Klassische Antipsychotika sollten bei der Behandlung eines manischen Syndroms möglichst vermieden oder nur kurzzeitig verwendet werden. Eine längerfristige Behandlung sollte immer mit einem atypischen Antipsychotikum erfolgen!

Betroffene mit bipolaren Störungen entwickeln unter Antipsychotika-Gabe häufiger extrapyramidal-motorische Störungen! [8]

Nicht-medikamentöse Therapie [3]

Psychotherapeutische Verfahren spielen in der Behandlung der akuten Manie aufgrund der fehlenden Krankheitseinsicht der Patient:innen im Vergleich zur medikamentösen Therapie eine untergeordnete Rolle!

Akuttherapie einer bipolaren Depression

Die Empfehlungen zur Akuttherapie einer bipolaren Depression sind abhängig vom jeweiligen Schweregrad. [3][8]

Medikamentöse Therapie [3][8]

Grundsätzlich erfolgt die Behandlung einer bipolaren Depression ähnlich zu den Behandlungsansätzen einer unipolaren Depression. Sie gehört mit zu den herausfordernsten Aufgaben in der Therapie bipolarer Störungen . Insb. die Gabe von Antidepressiva wird kontrovers diskutiert. [1][6]

Wahl des Pharmakons

Quetiapin ist die einzige Substanz, die für die Behandlung bipolarer Depressionen zugelassen ist, allerdings nur für schwere Verläufe.

Medikamentöse Akuttherapie einer bipolaren Depression
Empfehlungsgrad Empfohlene Substanzen
Mit Leitlinienempfehlung
Ohne Leitlinienempfehlung
Supportive Medikation
Legende
  • a: Zur Phasenprophylaxe geeignet
  • b: In Deutschland nicht auf dem Markt
  • c: CAVE: Hohes Interaktionspotenzial und starke Sedierung!

Betroffene mit bipolaren Störungen entwickeln unter Antipsychotika-Gabe häufiger extrapyramidal-motorische Störungen! [8]

Benzodiazepine können zusätzlich bei ängstlich-agitierten Depressionen angewendet werden. Aufgrund des Abhängigkeitspotenzials sollte der Einsatz jedoch zeitlich begrenzt sein!

Gabe von Antidepressiva bei bipolaren Störungen [3][6][8]

Venlafaxin und Trizyklika haben das größte Risiko, eine manische Episode zu induzieren, und sollten bei einer bipolaren Störung möglichst vermieden werden! [8]

Therapeutisches Dilemma in der Erhaltungstherapie: Zu frühes Absetzen des Antidepressivums kann zu einer Reexazerbation der depressiven Symptomatik führen. Eine längere Fortführung dieser Therapie erhöht jedoch das Switch-Risiko in eine Manie!

Nicht-medikamentöse Therapie [3]

Akuttherapie einer gemischten Episode [8]

Grundsätzlich erfolgt die Behandlung einer gemischten Episode analog zu den Behandlungsansätzen der Akuttherapie einer manischen Episode. Es liegen jedoch kaum kontrollierte Studien vor.

Behandlungsoptimierung bei unzureichendem oder ausbleibendem Therapieerfolg [3][6]

Abklärung möglicher Ursachen

Behandlungsoptimierung bei manischer Episode [3]

Behandlungsoptimierung bei bipolarer Depression [3][6]

Allgemeine Grundprinzipien der Phasenprophylaxe [3]

Grundsätzlich geht eine bipolare Störung mit einer hohen Rezidivrate einher, wobei der individuelle Verlauf sehr unterschiedlich sein kann. Eine Phasenprophylaxe soll verhindern, dass es zu einer erneuten manischen oder depressiven Episode kommt. Dabei kommen insb. medikamentöse, aber auch unterstützend psycho- und soziotherapeutische Verfahren zum Einsatz. Generell gilt, dass Medikamente, die in der Akuttherapie wirksam waren, auch in der Rezidivprophylaxe effektiv sind. [8]

  • Indikation: Bei 2 manischen Episoden innerhalb von 4 Jahren [4][8]
  • Wahl des Pharmakons: Individuell abstimmen unter Beachtung von [6]
    • Vorerfahrungen der Betroffenen, bzw. Ansprechen auf vorherige Therapien
    • Nebenwirkungsprofil
    • Polarität und Verlauf der Episoden
    • Suizidalität
    • Alter und Geschlecht
    • Komedikation
    • Somatischen und psychiatrischen Komorbiditäten
    • Therapieadhärenz der Betroffenen
  • Beurteilung des Therapieansprechens
    • Individuelle Wirksamkeit prüfen, wenn die doppelte Zeit für einen durchschnittlichen Krankheitszyklus vergangen ist [3][11]
      • Bei fehlendem Therapieansprechen: Medikamentöse Umstellung
      • Bei partiellem Therapieansprechen: Kombinationstherapie
    • I.d.R. keine Therapieänderung bei Rezidiven in den ersten 6 Monaten nach Start einer Phasenprophylaxe

Medikamentöse Therapie

Zur Phasenprophylaxe einer bipolaren Störung werden sowohl Stimmungsstabilisierer als auch atypische Antipsychotika eingesetzt. Es wird zunächst immer eine Monotherapie angestrebt.

1. Wahl

  • Lithium [3][6][8][11][14]
    • Leitlinienempfehlung: Insb. bei Suizidalität
    • Zulassungsstatus: Uneingeschränkt

Prädiktoren für ein Ansprechen auf Lithium in der Phasenprophylaxe bipolarer Störungen

  • Besseres Ansprechen [15]
    • Bipolare Störung mit vollständiger Remission zwischen den Phasen
    • Geringe Episodenzahl
    • Positive Familienanamnese für das Auftreten einer bipolaren Störung
    • Positive Familienanamnese für das Ansprechen auf eine Lithium-Therapie
    • Kein Vorliegen stimmungsinkongruenter Wahnsymptome
  • Geringeres Ansprechen [8]

Alternativ

2. Wahl

  • Quetiapin [3][16]
    • Leitlinienempfehlung: Wenn es in der Akuttherapie wirksam und verträglich war
    • Zulassungsstatus: Wenn es in der Akuttherapie wirksam war
  • Lamotrigin [3][8][17]

3. Wahl

Mögliche medikamentöse Kombinationsbehandlungen bei unzureichendem Ansprechen [3][8]

Bei unzureichendem Ansprechen auf eine Monotherapie kann eine Kombinationsbehandlung mit unterschiedlichen Wirkstoffen erwogen werden (Interaktionspotenzial beachten!). Die Datenlage hierzu ist insgesamt jedoch sehr gering.

Nicht-medikamentöse Therapie [3]

Suizidalität

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Prognose [3][6]

  • Lebenserwartung: Ca. 9 Jahre weniger als Gesamtbevölkerung
  • Mortalität: 2-fach höher als Gesamtbevölkerung
  • Hohe Arbeitsunfähigkeitsrate und Frühberentung

Prognostische Faktoren

Prognostische Faktoren der bipolaren Störung [3]
Risikofaktoren für wiederkehrende Episoden Risikofaktoren für einen chronischen Verlauf
  • Früher Erkrankungsbeginn
  • Weibliches Geschlecht
  • Schwere körperliche oder emotionale Belastungen
  • Psychotische Symptomatik
  • Phasenprophylaktische Therapieresistenz
  • Rapid Cycling
  • Gemischte Episoden
  • Medikamentöse Therapieresistenz in Akutphase und Phasenprophylaxe
  • Fehlende Therapieahärenz
  • Hohe Episodenzahl
  • Prämorbide Persönlichkeitsmerkmale einhergehend mit schwach ausgebildeten Coping-Strategien
  • Zusätzlicher Substanzmissbrauch
  • Psychische/somatische Komorbiditäten

Frauen im gebährfähigen Alter/mit Kinderwunsch, Schwangerschaft und Stillzeit [3]

Grundprinzipien

Die Pharmakotherapie dieser Patientengruppe ist eine besondere Herausforderung, da sowohl Verträglichkeit und Wirksamkeit bei der Mutter als auch die Verträglichkeit beim (ungeborenen) Kind von Bedeutung sind. Eine Exazerbation der Erkrankung ist immer auch mit einer Gefahr für das Wohl des (ungeborenen) Kindes verbunden.

  • Frauen im gebärfähigen Alter
    • Besprechen der Themen Kontrazeption und mögliche Schwangerschaft
    • Wenn möglich Wahl eines Phasenprophylaktikums unter Berücksichtigung potenziell teratogener Effekte
      • Valproat dürfen Frauen im gebährfähigen Alter nur unter den Voraussetzungen eines sog. Schwangerschaftsverhütungsprogramms erhalten
  • Frauen mit Kinderwunsch, Schwangere
    • Evaluation der bestehenden Medikation
      • Wie hoch ist die Rezidivgefahr insgesamt?
      • Reichen nicht-medikamentöse Therapieverfahren ggf. aus?
      • Wenn medikamentöse Therapie notwendig bzw. bereits durchgeführt wird
        • Ggf. Umstellung der Medikation
        • Monotherapie anstreben
        • Ggf. Spiegelkontrollen
        • Abruptes Absetzen der Medikation vermeiden [21]
    • Engmaschige psychiatrische und gynäkologische Begleitung der Schwangerschaft
    • Frühzeitige Anbindung an ein Perinatalzentrum zur Vorbereitung der Geburt
  • Wochenbett und Stillzeit
    • Ggf. prophylaktische Erhöhung der stimmungsstabilisierenden Medikation
    • Gewisses Maß an Reizabschirmung sicherstellen
    • Stillen ja/nein?
      • Kann ein gestörter Nachtschlaf durch die Mutter beim Stillen toleriert werden?
      • Positive Effekte durch das Stillen für das Kind vs. potenziell unerwünschter Nebenwirkungen beim Kind

Valproat ist in der Schwangerschaft absolut kontraindiziert! Frauen im gebährfähigen Alter dürfen Valproat nur unter den Voraussetzungen eines sog. Schwangerschaftsverhütungsprogramms erhalten! [12]

Spezifische Medikamente in Schwangerschaft und Stillzeit

Die folgenden Informationen sollten auch bei bestehendem Kinderwunsch beachtet werden. Es sollte möglichst eine Substanz gewählt werden, die im Falle einer fortgeführten Einnahme in der Schwangerschaft geeignet ist. Für weitere Angaben zu den einzelnen Wirkstoffen in Schwangerschaft und Stillzeit sei auf die Seite von Embryotox verwiesen (siehe: Tipps & Links) [22]. Die Gabe aller hier aufgeführten Medikamente erfolgt in der Schwangerschaft im Off-Label Use [3] . Lithium, Carbamazepin, Lamotrigin und Valproat sind in unterschiedlichem Ausmaß potenziell teratogen [1].

Atypische Antipsychotika [3]

Lithium [8][23]

  • Schwangerschaft
    • Neueinstellung im 1. Trimenon möglichst vermeiden
    • Bei bereits bestehender Lithiumtherapie: Fortführung unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung möglich
  • Stillzeit: Stillen nicht empfohlen, bei ausdrücklichem Wunsch jedoch akzeptabel
  • Für weiterführende Informationen siehe: Lithium - Besondere Patientengruppen

Antikonvulsiva [8]

Antidepressiva [8]

Lithium ist bei Bipolar-I-Störungen anderen Antikonvulsiva vorzuziehen! [8]

Personen >65 Jahre [3][8]

  • Zu beachten
    • Erhöhtes Risiko für medikamentöse Interaktionen aufgrund einer häufig bestehenden Polypharmazie
    • Altersbedingte veränderte Pharmakokinetik und Pharmakodynamik
    • Altersbedingte erhöhte Sensibilität auf Psychopharmaka und deren Nebenwirkungen
    • Häufig vorliegende Komorbiditäten (bspw. Herzkreislauferkrankungen)

Spezifische Medikamente

F30.-: Manische Episode

F31.-: Bipolare affektive Störung

F34.-: Anhaltende affektive Störungen

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2022, DIMDI.

  1. S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen - Langversion. Stand: 26. November 2019. Abgerufen am: 4. Mai 2021.
  2. Voderholzer, Hohagen: Therapie psychischer Erkrankungen - State of the art. 17. Auflage Urban & Fischer 2021, ISBN: 978-3-437-24914-3 .
  3. Mathias Berger: Psychische Erkrankungen. 6. Auflage Elsevier, Urban & Fischer Verlag 2018, ISBN: 978-3-437-22485-0 .
  4. WHO - World Health Organization: Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen. 9. Auflage Hogrefe 2019, ISBN: 978-3-456-85992-7 .
  5. Schneider: Facharztwissen Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Springer 2017, ISBN: 978-3-662-50344-7 .
  6. Voderholzer, Hohagen: Therapie psychischer Erkrankungen - State of the art. Urban & Fischer 2020, ISBN: 978-3-437-24913-6 .
  7. Embryotox - Bipolare affektive Störung. . Abgerufen am: 2. November 2022.
  8. Fachinformation - ERGENYL CHRONO. . Abgerufen am: 17. März 2022.
  9. Embryotox - Arzneimittelsicherheit in Schwangerschaft und Stillzeit. . Abgerufen am: 10. Januar 2022.
  10. Benkert, Hippius: Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie. 13. Auflage Springer 2020, ISBN: 978-3-662-61752-6 .
  11. Embryotox - Lithiumsalze. . Abgerufen am: 11. Januar 2022.
  12. Fachinformation - LAMICTAL 25 Tabletten. . Abgerufen am: 17. März 2022.
  13. Fachinformation - CARBAMAZEPIN-neuraxpharm 200mg. . Abgerufen am: 17. März 2022.
  14. Haack et al.: Bipolare Depression - Epidemiologie, Ätiopathogenese und Verlauf In: Der Nervenarzt. Band: 81, 2010, doi: 10.1007/s00115-009-2849-3 . | Open in Read by QxMD p. 525-530.
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