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Windpocken

Letzte Aktualisierung: 18.11.2020

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Bei Windpocken handelt es sich um die meist im Kindesalter auftretende Primärinfektion mit dem Varizella-Zoster-Virus. Windpocken sind hochansteckend und werden aerogen oder auch seltener durch Schmierinfektion übertragen. Neben Fieber kommt es zu einem sehr charakteristischen, stark juckenden Exanthem, das am gesamten Körper auftritt, einschließlich der behaarten Kopfhaut: Es zeigen sich Papeln, die sich zu flüssigkeitsgefüllten ungekammerten Bläschen und schließlich zu verkrusteten Erosionen wandeln. Da die verschiedenen Stadien des Exanthems gleichzeitig auftreten, spricht man vom Bild des sog. „Sternenhimmels“. Bei Immunkompetenten kommt es nach ca. 5–7 Tagen zur Abheilung. Die Therapie erfolgt symptomatisch mit synthetischen Gerbstoffen und juckreizstillenden Medikamenten. Eine antivirale Therapie (z.B. mit Aciclovir) ist möglich, aber nur bei Risikogruppen mit zu erwartendem schweren Verlauf indiziert.

Zu schwerwiegenden Varizelleninfektionen kommt es insbesondere bei Neugeborenen mit konnataler Varizelleninfektion, älteren und immungeschwächten Menschen. Eine Infektion in der Schwangerschaft kann diaplazentar auf den Fötus übertragen werden und zu Fehlbildungen mit Todesfolge führen. Eine Impfung gegen Varizellen ist möglich und wird gleichzeitig mit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung im Alter von 11–14 Monaten und 15–23 Monaten empfohlen. Windpocken treten i.d.R. nur einmal im Leben auf, da die Infektion eine Immunität zur Folge hat. Da das Virus (nach Infektion oder Impfung) jedoch lebenslang in den Ganglien persistiert, kann es bei Immunschwäche zur Reaktivierung in Form eines Herpes zoster kommen.

  • Vorkommen: Weltweit
  • Häufigkeit
    • Vor STIKO-Impfempfehlung 2004: ca. 750.000 Infektionen pro Jahr in Deutschland
    • Aktuell in Deutschland
      • Hauptsächlich Erkrankung bei ungeimpften Kindern (ca. 90%) [1], Durchbruchvarizellen möglich
      • Ca. 350 stationäre Behandlungen von Kindern bis 15 J. pro Jahr infolge Varizellen
  • Alter: In jedem Alter möglich, Altersgipfel 1–4 J.
  • Saisonalität: Winter/Frühling

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

  • Erreger: Varizella-Zoster-Virus (VZV) = Humanes Herpesvirus-3 (HHV-3)
  • Reservoir: Mensch (einzig bekanntes Reservoir)
  • Primärinfektion: Windpocken mit lebenslangem Persistieren des Virus in den Spinal- und Hirnganglien
    • Bei Reaktivierung: Herpes zoster infolge einer (oft passageren) Immunschwäche
  • Durchbruchvarizellen: Eine Infektion mit dem Varizellen-Wildtyp ist trotz Impfung möglich, meist in milder Ausprägung und (fast) ohne Begleitsymptome
  • Impfvarizellen: Nach der Impfung entwickeln einige Personen ein leichtes Varizellenexanthem mit virushaltigen infektiösen Bläschen
  • Übertragung
    • Tröpfcheninfektion: Ansteckung über mehrere Meter durch virushaltige Tröpfchen aus den Atemwegen („WINDpocken“)
    • Schmierinfektion: Direkt von Mensch zu Mensch oder indirekt über Gegenstände
      • Kontakt zu erregerhaltigem Bläscheninhalt (bei Windpocken und Zoster)
      • Kontakt zu infektiösem Speichel oder Konjunktivalsekret (bei Windpocken)
    • Diaplazentär: Fetales Varizellensyndrom bei 1–2% der Primärerkrankungen während der Schwangerschaft, insb. 5.–24. SSW
  • Infektiosität: 2 Tage vor bis 5 Tage nach Exanthembeginn („bis das letzte Bläschen verkrustet ist“)

Bereits ein kurzer Kontakt über eine Entfernung von wenigen Metern kann zur Infektion führen!

  • Inkubationszeit: Meist 2 Wochen (8–28 Tage)
  • Klinik
    • Uncharakteristische Prodromi (1–2 Tage vor Exanthembeginn, insgesamt über 3–5 Tage anhaltend)
      • Abgeschlagenheit, leichtes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen
    • Pathognomonisches Exanthem bei Windpocken
      • Primäreffloreszenz: Papeln und Vesikel auf gerötetem Grund („Tautropfen auf einem Rosenblatt“)
      • Im Verlauf Eintrüben des Blaseninhaltes und krustenschorfbedeckte Erosionen
      • Schubweiser Verlauf
      • „Sternenhimmel“ oder „Heubner-Sternenkarte“: Nebeneinander verschiedener Exanthemphasen (Papeln, Vesikel und Krusten)
      • Beginn Haargrenze, kraniokaudale Ausbreitung
      • Typischerweise Beteiligung von Gesicht, behaartem Kopf und Mundschleimhaut (Enanthem)
      • Starker Juckreiz
    • Menschen mit Immunschwäche zeigen häufig schwere, komplizierte, z.T. lebensgefährliche Verläufe

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differentialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Symptomatische Therapie

Die Hauptursache für die Entstehung einer Superinfektion ist das Aufkratzen der juckenden Effloreszenzen. Die systemische Gabe von Antihistaminika sowie das Anwenden synthetischer Gerbstoffe können den Juckreiz und damit auch das Superinfektionsrisiko durch Kontamination beim Kratzen deutlich reduzieren.

Bei Superinfektion

Ggf. Antivirale Therapie bei Windpocken

Eine antivirale Therapie mit Aciclovir ist Patienten mit Risikofaktoren, Immunschwäche oder Komplikationen vorbehalten.

  • Indikationen
  • Aciclovir i.v.
    • Kinder und Erwachsene [1]
  • Aciclovir p.o. (bei leichteren Fällen bzw. zum Oralisieren nach Symptombesserung)
  • Alternativ: Famciclovir oder Brivudin p.o.

Salicylate sind bei einer Varizelleninfektion immer kontraindiziert, da in diesem Zusammenhang das Risiko eines Reye-Syndroms erhöht ist!

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

  • Bei immunkompetenten Patienten
    • I.d.R. komplikationsloser Verlauf und narbenloses Abheilen
    • Durch starkes Kratzen oder bakterielle Superinfektionen Narbenbildung möglich
  • Bei Immunsupprimierten und Neugeborenen: Generalisierte Verläufe mit letalem Ausgang möglich
  • Komplizierte Verläufe mit schlechter Prognose immer möglich
  • Letalität
    • 0,6:100.000 Kinder
    • 31:100.000 Erwachsene

Varizellen-Impfung [3][4]

Die STIKO empfiehlt allen Kindern im Alter von 11 Monaten17 Jahren und allen seronegativen Frauen mit Kinderwunsch eine vollständige Grundimmunisierung gegen Varizellen als Standardimpfung.

Die für alle Kinder empfohlene Varizellen-Impfung erfolgt mit einem Lebendimpfstoff! Für die Herpes-zoster-Impfung stehen ein Lebend- und ein Totimpfstoff zur Verfügung, die STIKO empfiehlt als Standardimpfung ab dem Alter von 60 Jahren allerdings den Totimpfstoff!

Postexpositionsprophylaxe bei Windpocken [1][3][4]

  • Indikation: Exposition von Risikopersonen oder von deren Kontaktpersonen ohne Immunität
  • Inkubationsimpfung (aktive Immunisierung)
    • Mittels Lebendimpfstoff
    • Möglichst früh durchzuführen, innerhalb von 5 Tagen nach Exposition oder 3 Tagen nach Exanthembeginn beim Indexfall
  • Passive Immunisierung [1][2]
  • Chemoprophylaxe [1]
    • Mittels Aciclovir p.o.
    • Ab Tag 7–9 nach Exposition zu erwägen
    • Bislang nur bei immunkompetenten Personen empfohlen, aktuell in Erprobung bei Menschen mit Immunschwäche

Weitere Maßnahmen bei Kontaktpersonen [5]

  • Ausschluss aus Gemeinschaftseinrichtungen, solange das Risiko einer Weiterverbreitung besteht
    • Nicht (mehr) erforderlich bei Kontaktpersonen
      • Mit vorhandenem Impfschutz
      • Nach durchgemachter Krankheit [6]

Weitere Maßnahmen im Krankheitsfall

  • Kein Kontakt zu Neugeborenen, Schwangeren, Menschen mit fehlender Immunität oder mit Immunschwäche
  • Ausschluss aus Gemeinschaftseinrichtungen für mind. 7 Tage bzw. bis alle Effloreszenzen verkrustet sind, Wiederzulassung ohne ärztliches Attest möglich
  • Im Krankenhaus: Isolierung und Mundschutz-Handschuh-Kittel-Pflege während infektiöser Zeit
  • Arztmeldepflicht
    • Nach § 6 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Verdachts-, Krankheits- oder Todesfällen
    • Nach IfSGMeldpflV ST 2005 und IfSGMeldeVO (nur in Sachsen-Anhalt und Sachsen ): Namentliche Meldepflicht auch bei konnataler Infektion oder fetalem Varizellensyndrom
  • Labormeldepflicht
    • Nach § 7 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis
    • Nach IfSGMeldpflV ST 2005 (nur in Sachsen-Anhalt ): Namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis, auch im Zusammenhang mit konnatalen Infektionen
    • Nach ThürIfKrMVO (nur in Thüringen ): Namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis, auch ohne Hinweis auf eine akute Infektion
  • Meldepflicht für Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen nach § 33 und § 34 (6) IfSG
    • Namentliche Meldepflicht bei Verdachts- und Krankheitsfällen

  • B01.-: Varizellen [Windpocken]
    • B01.0+: Varizellen-Meningitis (G02.0*)
    • B01.1+: Varizellen-Enzephalitis (G05.1*)
      • Enzephalitis nach Varizelleninfektion, Varizellen-Enzephalomyelitis
    • B01.2+: Varizellen-Pneumonie (J17.1*)
    • B01.8: Varizellen mit sonstigen Komplikationen
    • B01.9: Varizellen ohne Komplikation
      • Varizellen o.n.A.

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

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  1. Berner et al.: DGPI-Handbuch: Infektionen bei Kindern und Jugendlichen. 6 . Auflage Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) 2013, ISBN: 978-3-131-44716-6 .
  2. Antiinfektiva, Leitlinien für die Therapie und Prophylaxe. Stand: 1. Juli 2009. Abgerufen am: 17. Januar 2017.
  3. Windpocken, Herpes zoster (Gürtelrose), RKI-Ratgeber für Ärzte. Stand: 29. August 2017. Abgerufen am: 22. März 2017.
  4. Epidemiologisches Bulletin 34/2020. Stand: 20. August 2020. Abgerufen am: 14. September 2020.
  5. RKI-Ratgeber Windpocken (Varizellen), Gürtelrose (Herpes zoster). Stand: 1. August 2017. Abgerufen am: 17. September 2020.
  6. Wiese-Posselt et al.: Varicella-zoster virus seroprevalence in children and adolescents in the pre-varicella vaccine era, Germany In: BMC Infectious Diseases. Band: 17, Nummer: 1, 2017, doi: 10.1186/s12879-017-2461-2 . | Open in Read by QxMD .
  7. Mayatepek: Pädiatrie. 1. Auflage Urban & Fischer 2007, ISBN: 3-437-43560-4 .
  8. Koletzko: Pädiatrie. 13. Auflage Springer 2007, ISBN: 978-3-540-48632-9 .
  9. Höger: Kinderdermatologie. 1. Auflage Schattauer 2005, ISBN: 3-794-52221-4 .
  10. Speer, Gahr: Pädiatrie. 3. Auflage Springer 2009, ISBN: 978-3-540-69479-3 .
  11. Impfkalender (Standardimpfungen) für Säuglinge, Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Stand: 23. August 2018. Abgerufen am: 30. Oktober 2018.