Zusammenfassung
Die Appendizitis ist eine Entzündung der Appendix vermiformis (wurmartiges Anhängsel des Zäkums) und die häufigste Ursache des akuten Abdomens. Sie tritt vermehrt im Kindes- und Jugend- bzw. jungen Erwachsenenalter auf. Ätiologisch liegt ihr oft eine Obstruktion mit Entleerungsstörung der Appendix zugrunde.
Die Appendizitis äußert sich i.d.R. mit zunächst diffusen epigastrischen/periumbilikalen Schmerzen, die innerhalb weniger Stunden in den rechten Unterbauch wandern. Häufig werden diese Beschwerden von Allgemeinsymptomen wie Fieber, Erbrechen und allgemeinem Krankheitsgefühl begleitet. Die Verdachtsdiagnose ergibt sich meist aus dem typischen klinischen und laborchemischen Befund und wird vor Einleitung einer Therapie über ein bildgebendes Verfahren (i.d.R. Sonografie) bestätigt. Therapie der Wahl ist vornehmlich die zeitnahe laparoskopische Appendektomie, begleitet von einer peri-/postoperativen antibiotischen Therapie. Alternativ kann eine konservative, primär antibiotische Therapie erfolgen.
Definition
- Entzündung der Appendix vermiformis (Wurmfortsatz)
- Umgangssprachlich häufig Verwendung des ungenauen Begriffs „Blinddarmentzündung“
Epidemiologie
- Häufigste Ursache für akutes Abdomen
- Inzidenz: 124/100.000 Personen pro Jahr [1]
- Lebenszeitrisiko für Appendizitis: 7–8% [2]
- Häufigkeitsgipfel: 10.–30. Lebensjahr
- Negativ-Appendektomierate
Die Appendizitis ist insb. im Kindes- und Jugendalter häufig, kann jedoch in jedem Lebensalter auftreten!
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
- Mögliche Ursachen für Obstruktion des Appendixlumens [5]
- Koprolithen
- Lymphatische Hyperplasie
- Benigne/maligne gastrointestinale Tumoren oder Fremdkörper
- Typische Erreger
Klassifikation
Stadienhafter Verlauf
- Unkomplizierte akute Appendizitis: Einfache Entzündung der Appendix vermiformis [6][7]
- Katarrhalisch : Hyperämie der Appendix, Ödembildung (reversible Phase)
- Seropurulent: Histopathologisch tiefere Ausbreitung der Entzündung in alle Wandschichten, makroskopisch Rötung und Verdickung
- Komplizierte akute Appendizitis: Mind. gangränöse Entzündung der Appendix vermiformis [7]
- Ulzerophlegmonös: Histopathologisch diffuse entzündliche Veränderungen der gesamten Appendixwand, makroskopisch fibrinös-eitrige Beläge und endoluminale Ulzerationen
- Gangränös: Histopathologisch nekrotisierende Entzündung, makroskopisch livide Verfärbung
- Perforiert
- Gedeckte Perforation mit Perityphlitis, ggf. perityphlitischer Abszess
- Freie Perforation mit diffuser Peritonitis
- Chronisch-rezidivierende Appendizitis: Wiederholtes Auftreten einer unkomplizierten Appendizitis [6]
Die Klassifizierung gelingt oft erst intraoperativ oder histopathologisch!
Pathophysiologie
- Genauer Pathomechanismus nicht vollständig geklärt [8]
- Am ehesten vermutete Kausalkette: Obstruktion des Appendixlumens → Entleerungsstörung der Appendix vermiformis, Sekretstau → Bakterielle Vermehrung, Druck in Lumen und Darmwand ↑ → Inflammation, Thrombose kleiner Gefäße, Lymphstau → Ischämie mit möglichen Folgekomplikationen
Symptomatik
- Schmerz
- Zunächst diffuse epigastrische/periumbilikale Schmerzen (viszeraler Schmerz )
- Schmerzwanderung in den rechten Unterbauch nach ca. 4–24 h (somatischer Schmerz )
- Objektive Zeichen: Schonhaltung (gebeugte Hüfte), Erschütterungsschmerz
- Vegetative Symptomatik
- Übelkeit, Erbrechen
- Inappetenz
- Wind- und Stuhlverhalt
- Fieber, Schüttelfrost
- Dysurie
- Sonderfälle
- Perforation: Ggf. vorübergehende Schmerzreduktion mit anschließend diffusem Bauchschmerz bei Peritonitis
- Ungewöhnliche Schmerzlokalisation
- Atypische Symptomatik: Bei Älteren oder Kindern kann die Klinik geringer oder untypisch ausgeprägt sein (siehe: Appendizitis - Besondere Patientengruppen)
Leitsymptom der Appendizitis sind Schmerzen im rechten Unterbauch!
Diagnostik
Anamnese
- Typische Symptomatik eruieren, siehe Appendizitis - Symptome/Klinik
- Bei Frauen: Schwangerschaft, Zeitpunkt der letzten Regelblutung
- Grunderkrankungen: U.a. Morbus Crohn, Nephrolithiasis, Endometriose, Divertikulose
Körperliche Untersuchung
Allgemein
- Abdomenuntersuchung: Auskultation, Palpation, Appendizitiszeichen prüfen
- Druckschmerz im rechten Unterbauch
- Abwehrspannung
- Schmerzauslösung durch Erschütterung
- Flankenklopfschmerz prüfen
- Inspektion des Skrotums und der Leiste
- Körpertemperatur messen: Axillo-rektale Temperaturdifferenz ≥1 °C
- Ggf. digital-rektale Untersuchung (DRU) [6][9]
Appendizitiszeichen
Schmerzhafte Druckpunkte
- McBurney-Punkt: Punkt auf der Linie zwischen rechter Spina iliaca anterior superior und Bauchnabel zwischen dem lateralen und mittleren Drittel
- Lanz-Punkt: Punkt auf der Linie zwischen beiden Spinae iliacae zwischen rechtem und mittlerem Drittel
Der McBurney- und der Lanz-Punkt liegen in einem gedachten Dreieck aus den Verbindungslinien zwischen rechter Spina iliaca anterior superior, Bauchnabel und Symphyse (sog. Sherren-Dreieck)!
Schmerzhafte Manöver
- Blumberg-Zeichen: Kontralateraler Loslassschmerz (im rechten Unterbauch) nach Palpation des linken Unterbauchs
- Douglas-Schmerz: Schmerzen beim Palpieren des Douglas-Raums bei der digital-rektalen Untersuchung
- Psoas-Zeichen Schmerzen im rechten Unterbauch durch Anheben des rechten Beins gegen Widerstand (bei Entzündung einer retrozäkal liegenden Appendix)
- Baldwin-Zeichen: Schmerzen in der Flanke nach Fallenlassen des gestreckten, im Liegen angehobenen rechten Beins (Hinweis auf retrozäkale Appendizitis)
- Rovsing-Zeichen : Schmerzen im rechten Unterbauch durch Ausstreichen des Kolons längs des Kolonrahmens in Richtung Appendix
Laboruntersuchungen
- Entzündungsparameter
- Leukozytose (kann bei älteren Menschen fehlen)
- CRP-Erhöhung
- Bei Peritonitis: Möglicherweise Leukopenie bzw. Thrombopenie als Zeichen der Sepsis
- Urinstatus
- Wichtig zur differenzialdiagnostischen Abgrenzung von Harnwegsinfekten/Harnleitersteinen
- Zu beachten: Begleitende Entzündung des rechten Harnleiters (häufig mit Begleiterythrozyturie) möglich bei Appendizitis
- Blutkulturen: Bei Fieber/Schüttelfrost
- Schwangerschaftstest: Bei Frauen im gebärfähigen Alter
Zur guten klinischen KULTUR bei V.a. Appendizitis gehören die folgenden Untersuchungen: Körperliche Untersuchung, Ultraschall, Labordiagnostik, Temperatur, Urindiagnostik, Schwangerschaftstest (Regel?)!
Bildgebung [6][10]
- Indikation: Immer vor Einleitung einer Therapie
- 1. Wahl: Sonografie
- Ziele
- Rasche Diagnosesicherung (Vermeiden von Komplikationen) bzw. Ausschluss einer Appendizitis (Vermeiden unnötiger Appendektomien)
- Differenzialdiagnostische Abklärung
- Prätherapeutische Klassifizierung in unkomplizierte Appendizitis bzw. komplizierte Appendizitis
Sonografie bei V.a. Appendizitis
- Vorteil: Meist jederzeit und an jedem Ort verfügbar
- Nachteile: Aussagekraft abhängig von Expertise der untersuchenden Person (Sensitivität: 81–98%, Spezifität: 71–94%)
- Physiologischer Befund: Appendix vermiformis meist nicht darstellbar
- Pathologischer Befund
- Appendixdurchmesser >6 mm
- Kokarden-Phänomen (syn. Target-Phänomen, Zielscheiben-Phänomen oder Schießscheiben-Phänomen)
- Verlust bzw. Fehlen bei fortgeschrittener oder phlegmonöser Appendizitis
- Wandverdickung
- Flüssigkeit um die Appendix
- Appendix nicht komprimierbar
- Bei Perforation: Freie intraabdominelle Luft
Zum Vergleich: Normalbefund
Weitere Verfahren (fakultativ)
- Magnetresonanztomografie [6][11]
- Vorteile: Hohe Aussagekraft (Sensitivität: 97%, Spezifität: 95%), keine Strahlenbelastung
- Nachteile: Aufwändig, nicht überall jederzeit verfügbar
- Pathologischer Befund
- Appendixdurchmesser >7 mm
- Imbibierung des Fettgewebes
- Appendix mit Flüssigkeit gefüllt
- Computertomografie [5][6]
- Vorteile: Hohe Aussagekraft (Sensitivität: 76–100%, Spezifität: 83–100%), meist zügig verfügbar
- Nachteil: Strahlenbelastung
- Pathologischer Befund
- Appendixdurchmesser >7 mm
- Appendixwand >2 mm
- Appendixlumen verlegt
- Fettgewebsinfiltration
Ein V.a. akute Appendizitis sollte vor Therapiebeginn sonografisch gesichert werden! Gelingt dies nicht, sollte alternativ eine Schnittbilddiagnostik erfolgen, bei Schwangeren und Kindern vorzugsweise eine MRT! [6]
Appendizitis-Scores [6]
- Definition: Scores zur Einschätzung der Wahrscheinlichkeit einer akuten Appendizitis anhand klinischer Parameter
- Vorteil: Potenziell Erleichterung von Entscheidungsprozessen
- Nachteil: Keine Einteilung in unkomplizierte und komplizierte Appendizitis möglich
- Häufigste Scores
- Alvarado-Score (MANTRELS)
- AIR-Score (Appendicitis Inflammatory Response Score, Andersson's Score)
- Besondere Patientengruppen
- Pediatric Appendicitis Score (PAS) bei Kindern
- Raja Isteri Pengiran Anak Saleha Appendicitis Score (RIPASA Score) bei asiatischem Patientenkollektiv
Die Klassifizierung der akuten Appendizitis als unkomplizierte oder komplizierte Appendizitis ist nicht möglich anhand der aktuellen Scores!
Alvarado-Score [12][13]
Alvarado-Score | Punkte | |
---|---|---|
Symptome | Übelkeit oder Erbrechen | 1 |
Appetitlosigkeit | 1 | |
Schmerz im rechten Unterbauch | 2 | |
Schmerzwanderung in den rechten Unterbauch | 1 | |
Klinische Befunde | Druckschmerz/Abwehrspannung | 1 |
Körpertemperatur >37,5 °C | 1 | |
Laborbefunde | Leukozytose | 2 |
Linksverschiebung der Granulopoese | 1 | |
Interpretation: 0–4 Punkte = Appendizitis wenig wahrscheinlich; 5–6 Punkte = uneindeutig; 7–8 Punkte = Appendizitis wahrscheinlich; 9–10 Punkte = Appendizitis sehr wahrscheinlich |
Das Akronym MANTRELS steht für „Migration of pain, Anorexia, Nausea, Tenderness in right lower quadrant, Rebound pain, Elevated temperature, Leucocytosis und Shift of white blood cell count to the left“!
AIR-Score [14][15]
AIR-Score (Appendicitis Inflammatory Response Score, Andersson's Score) | Punkte | |
---|---|---|
Symptome | Erbrechen | 1 |
Schmerz im rechten Unterbauch | 1 | |
Klinische Befunde | Druckschmerz/Abwehrspannung | 1–3 |
Körpertemperatur >38,5 °C | 1 | |
Laborbefunde | Leukozytose | 1–2 |
Polymorphkernige Granulozyten | 1–2 | |
CRP-Erhöhung | 1–2 | |
Interpretation: 0–4 Punkte = Appendizitis wenig wahrscheinlich; 5–8 Punkte = Appendizitis wahrscheinlich; 9–12 Punkte = Appendizitis sehr wahrscheinlich |
Pathologie
Physiologischer Aufbau der Appendix vermiformis
- Länge ca. 2–20 cm (durchschnittlich ca. 7 cm)
- Durchmesser <6–8 mm (durchschnittlich ca. 5 mm)
Veränderungen bei Appendizitis
- Infiltration des Gewebes durch neutrophile Granulozyten
- Je nach Stadium Ulzerationen und Wandnekrosen
Differenzialdiagnosen
Abdominelle Erkrankungen
- Gastroenteritis (häufige Differenzialdiagnose!)
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankung
- Divertikulitis [5]
- Nach Appendektomie: Stumpfappendizitis
- Lymphadenitis mesenterialis [5]
- Enterale Yersiniose
- Pseudoappendicitis diabetica
- Familiäres Mittelmeerfieber
- Akute intermittierende Porphyrie
- Obstipation bzw. Koprostase [5]
- Meckel-Divertikulitis
Bei klinischem V.a. eine Appendizitis und intraoperativ (relativ) blander Appendix sollte immer nach einer Meckel-Divertikulitis gefahndet werden!
Gynäkologische Erkrankungen
- Adnexitis [5]
- Extrauteringravidität
- Stielgedrehtes Ovar (Ovarialtorsion), stielgedrehte Ovarialzyste
- Mittelschmerz (Ovulationsschmerz)
- Versprengte Herde einer Endometriose
- Tuboovarialabszess [5]
- Ovarialkarzinom
Urologische Erkrankungen
-
Harnwegsinfekt
- Auch als begleitende Entzündungsreaktion bei Appendizitis möglich
- Pathologischer Urinbefund (bspw. Erythrozyturie) schließt Appendizitis nicht aus
- Urolithiasis [5]
- Hodentorsion
- Epididymitis
Ein pathologischer Urinbefund schließt eine Appendizitis nicht aus!
Extraabdominelle Erkrankungen
- Unterlappenpneumonie rechts
- (Inkarzerierte) Leistenhernie
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
Supportive Maßnahmen bei V.a. Appendizitis
- Indikation: Zwischen Erstvorstellung und definitiver Diagnosesicherung bzw. bei unklaren Befunden
- Vorgehen
- Stationäre Überwachung
- Parenterale Volumenzufuhr mit Vollelektrolytlösung
- Analgesie, bspw. mit Metamizol [16] [17]
- Nahrungskarenz (ggf. flüssige Kost)
- Bei Befundverschlechterung oder -persistenz: Zeitnahe explorative Laparoskopie
Die Diagnose einer Appendizitis ist schwierig, Laborparameter und Sonografie sind häufig nicht wegweisend! Im Zweifel eine stationäre Aufnahme und engmaschige Kontrolluntersuchungen veranlassen!
Therapie nach Diagnosesicherung
- 1. Wahl: Meist laparoskopische Appendektomie
- Alternative: Offene Appendektomie
- Sonderfall: Antibiotikatherapie und ggf. interventionelle Abszessdrainage bei komplizierter akuter Appendizitis mit Abszess
- 2. Wahl: Alleinige Antibiotikatherapie
- Sonderfall: Freie Perforation: Immer zeitnahe Appendektomie
- Siehe auch: Behandlungsalgorithmus bei Erwachsenen mit V.a. Appendizitis
Die alleinige Antibiotikatherapie ist eine anerkannte Therapiealternative bei akuter Appendizitis. Lediglich bei nachgewiesener freier Perforation ist eine Appendektomie obligatorisch!
Unkomplizierte akute Appendizitis
- Therapie der Wahl: Zeitnahe laparoskopische Appendektomie
- OP-Zeitpunkt
- Alter >65 Jahre oder Vorliegen von Komorbiditäten: <12 h nach Diagnosesicherung
- Alter <65 Jahre ohne Komorbiditäten: <24 h nach Diagnosesicherung
- Antibiotikatherapie ab Diagnosesicherung, postoperativ nicht fortführen (siehe: Antibiotikatherapie bei Appendizitis)
- OP-Zeitpunkt
- Alternative: Alleinige Antibiotikatherapie
- Voraussetzung: Kein Appendikolith nachweisbar
- Bei Therapieversagen: Dringliche Appendektomie
Komplizierte akute Appendizitis ohne freie Perforation
- Therapie der Wahl: Zeitnahe laparoskopische Appendektomie
- Antibiotikatherapie ab Diagnosesicherung, postoperativ/postinterventionell fortführen, siehe auch: Antibiotikatherapie bei Appendizitis
- Bei Abszess: Ggf. interventionelle Abszessdrainage
- Alternative: Alleinige Antibiotikatherapie
- Bei Therapieversagen: Dringliche Appendektomie
- Bei Persistenz von Beschwerden nach initial erfolgreicher Akuttherapie: Appendektomie im Verlauf (sog. Intervall-Appendektomie)
Komplizierte akute Appendizitis mit freier Perforation
- Therapie der Wahl: Dringliche laparoskopische Appendektomie
- Antibiotikatherapie ab Diagnosesicherung, postoperativ fortführen, siehe auch: Antibiotikatherapie bei Appendizitis
Klinischer V.a. Appendizitis ohne radiologisches Korrelat
- Explorative Laparoskopie: Bei rezidivierenden/persistierenden Appendizitis-typischen Beschwerden
- Appendektomie: Bei fehlendem differenzialdiagnostischen Befund [4][18]
- Spezifische Therapie nach Befund , siehe auch:
Der V.a. eine Appendizitis rechtfertigt im Regelfall eine operative Therapie! „If in doubt, take it out!“
Appendektomie
Allgemeines Management vor darmchirurgischen Eingriffen
- Für allgemeine Hinweise zum präoperativen Management siehe:
- Für darmchirurgische Besonderheiten siehe auch:
Spezifisches Management vor Appendektomie
- Aufklärung
- Bei schwerem septischen Verlauf siehe auch: Sepsis - Initialtherapie bei Fokus Darm und gynäkologische Organe
- Adäquate Analgesie, bspw. mit Metamizol [16]
- Erhalt der Homöostase: Ausreichende Flüssigkeitszufuhr (i.v.)
- Nahrungskarenz: Einhalten der präoperativen Nüchternzeiten
Laparoskopische Appendektomie
- Einbringen der Trokare (meist drei)
- Explorative Laparoskopie
- Darstellen der Appendix
- Präparieren der Appendixbasis mit Unterbindung der Gefäße des Mesenteriolums
- Ligatur der Appendixbasis (bspw. mittels „Röder-Schlinge“) und Absetzung der Appendix
- Bergen der Appendix (mittels Bergebeutel)
- Spülen [5]
- Bauchdeckenverschluss
Offen-konventionelle Appendektomie
- Wechselschnitt im rechten Unterbauch
- Aufsuchen der Appendix über die Taenia libera des Zäkums (Leitstruktur)
-
Präparation der Appendixbasis mit Unterbindung der Gefäße des Mesenteriolums
- Arterielle Versorgung der Appendix: Aorta abdominalis → A. mesenterica superior → A. ileocolica → A. appendicularis
- Ligatur der Appendixbasis [5]
- Absetzen der Appendix über Kompresse
- Tabaksbeutelnaht zum Verschluss des Appendixstumpfes, ggf. Z-Naht
- Bauchdeckenverschluss
Eine sichere Appendektomie ist nur bei entzündungsfreier Appendixbasis möglich!
Postoperatives Management
- Allgemeines Management nach darmchirurgischen Eingriffen
- Für allgemeine Hinweise zum postoperativen Management siehe: Postoperatives Management
- Für darmchirurgische Besonderheiten siehe auch:
- Für die Therapie spezifischer Komplikationen siehe: Komplikationen der Appendektomie
Antibiotikatherapie bei Appendizitis [6][19]
- Indikation: Individuell nach Stadium, Verlauf der Symptomatik und Entzündungsparametern sowie chirurgischer Fokussanierung
- Durchführung bei Appendektomie
- Unkomplizierte akute Appendizitis: Nur perioperative Antibiotikaprophylaxe
- Unkomplizierte bis perforierte Appendizitis mit lokalisierter Peritonitis
- Cephalosporin der 2. Generation + Metronidazol
- Alternativ: Aminopenicillin + β-Lactamase-Inhibitor
- Dauer: 2–3 d
- Antibiotikatherapie bei perforierter Appendizitis mit diffuser Peritonitis
- Piperacillin/Tazobactam
- Alternativ: Carbapenem
- Dauer: 5 d
- Alleinige Antibiotikatherapie [20]
- Bspw. Cefotaxim + Metronidazol
- Dauer: 7–10 d
AMBOSS-Pflegewissen: Appendizitis
Präoperative Pflege und konservative Behandlung
Beobachten/Überwachen
- Basismonitoring
- Herzfrequenz
- Blutdruck
- Temperatur (axillär und rektal ggf. Differenz von über 1°C)
- Atmung
- Schmerzen: Insb. auf Lokalisation, Intensität und Qualität
- Plötzlich nachlassende Schmerzen: Ggf. Hinweis auf eine Perforation, ärztliches Personal informieren
- Ausscheidungen
- Stuhlgang: Durchfall/Stuhlverhalt
- Erbrechen (ggf. Gabe von Antiemetika nach ärztlicher Anordnung)
- Dysurie
Ernährung
- Bis zum Ausschluss bzw. bei bestätigter Appendizitis: Nahrungskarenz
Mobilität, Körperpflege und Prophylaxen
- Bettruhe: Nach ärztlicher Anordnung, insb. bei instabilem Kreislauf
- Positionierung: Bauchdeckenentspannend
- Körperpflege
- Bei ärztlich angeordneter Bettruhe und/oder reduziertem Allgemeinzustand: Unterstützung bei der Körperpflege, ggf. im Bett
- Lockere Kleidung, die nicht einschnürt
- Prophylaxen: Bedarfsgerecht, insb.
- Thromboseprophylaxe
- Soor- und Parodontitisprophylaxe
- Obstipationsprophylaxe
- Dekubitusprophylaxe
- Kontrakturenprophylaxe
Medikamentöse Therapie
- Schmerzmedikation: Analgetikagabe nach ärztlicher Anordnung, i.v. Zugang legen (lassen)
- i.v. Flüssigkeitssubstitution nach ärztlicher Anordnung bei längerer Nahrungskarenz und/oder Hypovolämie
- Ggf. Antibiotikagabe nach ärztlicher Anordnung
Spezielle präoperative Pflege
- Siehe: AMBOSS-Pflegewissen: Präoperative Pflege
- Besonderheiten bei Appendektomie
Spezielle postoperative Pflege
Für weitere Informationen siehe: AMBOSS-Pflegewissen: Postoperative Pflege
- Drainage: Entfernung nach ärztlicher Anordnung
- Komplizierter Verlauf: Entfernung der Drainage oftmals erst nach 4–6 Tagen
Postoperative Ernährung
- Die postoperative Ernährung erfolgt nach hausinternen Standards und ärztlicher Anordnung
- Siehe: Postoperatives Management nach darmchirurgischen Eingriffen
-
Gastrointestinale Sonde
- Bei Pflegeempfänger:innen, die präoperativ nicht nüchtern waren
- Ggf. bei perforierter Appendizitis
- Wird i.d.R. am ersten postoperativen Tag entfernt
Komplikationen
Freie Perforation (perforierte Appendizitis)
- Inzidenz
- Ca. 10% der Fälle
- Häufiger bei alten Menschen und Kindern
- Symptome/Klinik
- Starke Infektzeichen
- Persistenz der klinischen Symptomatik >24 h
- Kurzzeitige Schmerzreduktion nach Perforation möglich
- Im Verlauf generalisierte Peritonitis
- Therapie: Immer primär operativ
- Notfallmäßige Appendektomie mit ausgiebiger Spülung der Abdominalhöhle
- Ggf. Einlage einer Drainage
- Sofortige Antibiotikatherapie (siehe: Antibiotikatherapie bei Appendizitis)
- Komplikationen
- Expansion der Entzündung auf umliegende Strukturen, bspw. auf Tuba ovarica [21]
- Expansion der Entzündung ins retroperitoneale Gewebe, bspw. als sekundärer Psoasabszess (Fieber, hypodense Raumforderung mit randständiger KM-Anreicherung in der CT)
- Paralytischer Ileus (bei generalisierter Peritonitis) [21]
Nach Perforation kommt es oft vorübergehend zur Symptomlinderung, bevor sich die Klinik der Peritonitis ausbildet! In diesem Zeitraum ist die Gefahr der Fehlinterpretation besonders hoch!
Perityphlitischer Abszess
- Definition: Abszess in der Umgebung der Appendix als Folge einer gedeckten Perforation
- Therapie [6]
- Appendektomie (inkl. Abszessausräumung) und Antibiotikatherapie
- Alternativ: Antibiotikatherapie, ggf. Intervall-Appendektomie
- Alternativ: Interventionelle Abszessdrainage und Antibiotikatherapie, ggf. Intervall-Appendektomie
- Siehe auch: Antibiotikatherapie bei Appendizitis
Komplikationen der Appendektomie
- Allgemeine Komplikationen, siehe:
- Spezifische Komplikationen nach Appendektomie, insb.
- Bauchdeckenabszess, Douglas-Abszess
- Appendixstumpfinsuffizienz
- Symptome/Klinik: Bauchschmerzen, Fieber, Anstieg der Entzündungsparameter bis hin zur Peritonitis
- Therapie: Relaparoskopie, ggf. Nachresektion/Übernähung
- Siehe auch: Anastomoseninsuffizienz
- Stumpfappendizitis [22]
- Symptome/Klinik: Wie bei Appendizitis, typischer Laborbefund
- Diagnostik: Erschwert, Symptome/Klinik und Bildgebung (Sonografie/CT)
- Therapie: Frühzeitige operative Revision
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Prognose
- Letalität
- Bei unkomplizierter Appendizitis und adäquater (operativer) Behandlung: 0,001%
- Bei Perforation und Peritonitis: 1%
- Schlechtere Prognose im höheren Lebensalter (>60 Jahre)
Besondere Patientengruppen
Ältere Patient:innen („Altersappendizitis“) [6]
- Symptome/Klinik
- Schleichender, atypischer Verlauf
- Druckgefühl (statt Schmerzen) im rechten Unterbauch
- Diagnostik
- Subfebrile Temperaturen
- Geringe abdominale Abwehrspannung
- Abgeschwächte Druckdolenz bei schmerzprovokativen Tests
Schwangere
- Epidemiologie: Häufigste Ursache für akutes Abdomen während der Schwangerschaft
- Symptome/Klinik: Atypische (höhere) Schmerzlokalisation durch die Größenzunahme des Uterus
- Diagnostik: Bevorzugt mittels Sonografie und ggf. Magnetresonanztomografie
- Therapie: Dringliche laparoskopische Appendektomie in jedem Trimenon empfohlen [23]
- Komplikation: Abort (insb. bei komplizierter Appendizitis) [24]
Bei Schwangeren kann der Schmerz aufgrund der Größenzunahme des Uterus höher lokalisiert sein!
Kinder und Jugendliche (Appendizitis im Kindes- und Jugendalter) [25]
- Epidemiologie: Häufigste Ursache für akutes Abdomen im Kindesalter [26][27]
- Altersverteilung
- <4. Lebensjahr: 1–2:10.000
- ≥4.–14. Lebensjahr: 19–28:10.000
- Risikofaktor: Familiäre Häufung
- Altersverteilung
- Symptome/Klinik [27][28]
- Grundsätzlich analog zu Erwachsenen (siehe: Appendizitis - Symptome/Klinik)
- Häufige Besonderheiten im Kindesalter
- Ungenaue Schmerzlokalisation
- Atypische Symptomatik
- Objektive Zeichen
- Schonhaltung, gebeugte Hüfte
- Erschütterungsschmerz
- Diagnostik: Grundsätzlich analog zu Erwachsenen (siehe: Appendizitis - Diagnostik)
- Laboruntersuchungen
- Entzündungsparameter: Unspezifische Veränderungen von Leukozyten und CRP [27]
- Schwangerschaftstest: β-hCG bei Mädchen im gebärfähigen Alter
- Bildgebung: Sonografie, Magnetresonanztomografie in Ausnahmefällen [6]
- Laboruntersuchungen
- Differenzialdiagnosen: Grundsätzlich analog zu Erwachsenen (siehe: Appendizitis - Differenzialdiagnosen), zusätzlich bspw. bronchialer Infekt , Invagination oder andere Erkrankungen im Kindesalter [27][28]
- Therapie der Appendizitis im Kindes- und Jugendalter: Grundsätzlich analog zu Erwachsenen (siehe: Appendizitis - Therapie)
- Basismaßnahmen
- Ausreichende i.v. Flüssigkeitszufuhr, Nahrungskarenz
-
Analgesie [17]
- Akute Phase/postoperativ: Metamizol , Piritramid
- Nach Kostaufbau: Nicht-steroidale Antirheumatika, siehe bspw.: Ibuprofen (pädiatrisch)
- Antibiotikatherapie ab Diagnosesicherung
- Dauer der Antibiotikatherapie: Keine einheitlichen Empfehlungen
- Wirkstoffe: Für Dosierungsempfehlungen und Darreichungsformen siehe:
- Cefuroxim (pädiatrisch) und Metronidazol (pädiatrisch)
- Ampicillin/Sulbactam (pädiatrisch)
- Piperacillin/Tazobactam (pädiatrisch)
- Ertapenem (pädiatrisch)
- Chirurgische Therapie
- Zeitnahe laparoskopische Appendektomie
- Appendektomie im Verlauf (sog. Intervall-Appendektomie): Immer 6–12 Wochen nach abszedierter Appendizitis mit alleiniger Antibiotikatherapie empfohlen
- Für das allgemeine perioperative Management bei Kindern siehe: Grundlagen der Kinderanästhesie
- Basismaßnahmen
- Vorgehen bei unklaren Befunden: Grundsätzlich analog zu Erwachsenen (siehe: Appendizitis - Vorgehen bei unklaren Befunden)
- Komplikationen: Grundsätzlich analog zu Erwachsenen (siehe: Appendizitis - Komplikationen), jedoch höheres Risiko für komplizierte Verläufe [28]
Kinder mit einer Appendizitis zeigen häufig ein schmerzvermeidendes Verhalten, bspw. gehen sie gekrümmt und hüpfen nicht von der Untersuchungsliege herunter!
Die Appendizitis im Kindesalter ist eine schwierige Diagnose, Laborparameter und Sonografie sind häufig nicht wegweisend! Im Zweifel sollte das Kind aufgenommen und regelmäßig untersucht werden!
Studientelegramme zum Thema
- One-Minute Telegram (aus unserer englischsprachigen Redaktion)
- One-Minute Telegram 14-2020-1/3: Pills vs. scalpels: appendicitis treatment revisited
Interesse an wöchentlichen Updates zur aktuellen Studienlage im Bereich der Inneren Medizin? Abonniere jetzt das Studientelegramm (Beiträge zur Inneren Medizin in Kooperation mit HOMe sowie zur Überversorgung in der Inneren Medizin mit der DGIM). Zusätzlich haben wir auch das englische One-Minute-Telegram und den AMBOSS-Podcast im Angebot. Alle Links zur Anmeldung findest du am Seitenende unter "Tipps & Links".
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- K35.-: Akute Appendizitis
- K35.2: Akute Appendizitis mit generalisierter Peritonitis
- Appendizitis (akut) mit generalisierter (diffuser) Peritonitis nach Perforation oder Ruptur
- K35.3-: Akute Appendizitis mit lokalisierter Peritonitis
- K35.30: Akute Appendizitis mit lokalisierter Peritonitis ohne Perforation oder Ruptur
- K35.31: Akute Appendizitis mit lokalisierter Peritonitis mit Perforation oder Ruptur
- K35.32: Akute Appendizitis mit Peritonealabszess
- K35.8: Akute Appendizitis, nicht näher bezeichnet
- Akute Appendizitis ohne Angabe einer lokalisierten oder generalisierten Peritonitis
- K35.2: Akute Appendizitis mit generalisierter Peritonitis
- K36: Sonstige Appendizitis
- Inklusive: Appendizitis: chronisch, rezidivierend
- K37: Nicht näher bezeichnete Appendizitis
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.