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Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen

Letzte Aktualisierung: 10.3.2025

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Das Kapitel „Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen“ umfasst die Gestationshypertonie (schwangerschaftsinduzierter Hypertonus = SIH), die Präeklampsie sowie deren Komplikation, die Eklampsie. Das HELLP-Syndrom, das ebenfalls zur Familie der hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen gehört, wird in einem separaten Kapitel behandelt.

Pathophysiologisch liegt den hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen eine gestörte Plazentation zugrunde, die auch in Form einer Dysfunktion der uteroplazentaren Einheit in Erscheinung treten und zu einer direkten Gefährdung des Fötus führen kann.

Das Leitsymptom der hier aufgeführten Störungen ist i.d.R. der Blutdruckanstieg, wobei insb. das HELLP-Syndrom und die Eklampsie auch ohne Hypertonie auftreten können. Die Präeklampsie kann außerdem mit einer ausgeprägten Flüssigkeitsretention einhergehen, die zur Entwicklung eines Lungenödems oder einer akuten Nierenschädigung bei der Mutter führen kann. Der gefürchteten Komplikation Eklampsie kann durch eine frühe adäquate Blutdrucktherapie begegnet werden. Kommt es zu einem generalisierten tonisch-klonischen epileptischen Anfall, wird in erster Linie mit Magnesium therapiert.

Um eine hypertensive Schwangerschaftserkrankung rechtzeitig diagnostizieren zu können, gehören neben einer dezidierten Anamneseerhebung regelmäßige Blutdruckmessungen, Gewichtskontrollen und Urin-Untersuchungen zu den Vorsorgeuntersuchungen im Rahmen der Mutterschaftsrichtlinien.

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Definitiontoggle arrow icon

Schwangerschaftsassoziierte Hypertonieformen [1]

Schwangerschaftsinduzierter Hypertonus (SIH)

Gestationsproteinurie

Präeklampsie

Laut aktueller S2k-Leitlinie „Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft“ von 2024 soll nicht mehr zwischen einer milden und schweren Präeklampsie unterschieden werden, da das Krankheitsbild sehr dynamisch ist und sich die Symptomatik schnell ändern kann. [1]

Jede Form der Hypertonie während der Schwangerschaft ist ein Risikofaktor für eine Präeklampsie!

Schwangerschaftsunabhängige Hypertonie

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Epidemiologietoggle arrow icon

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

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Ätiologietoggle arrow icon

Die genauen Ursachen sind bis dato noch nicht hinreichend geklärt. Man geht jedoch davon aus, dass sowohl exogene als auch endogene Faktoren (bspw. genetische Dispositionen, immunologischer, hormoneller und vaskulärer Status) eine Rolle spielen.

Risikofaktoren für die Entwicklung einer Präeklampsie [1][3][4][5]

Risikofaktoren für die Entwicklung einer Präeklampsie
Allgemeine Faktoren Relatives Risiko
Autoimmunerkrankungen (insb. Antiphospholipid-Syndrom und systemischer Lupus erythematodes) ↑↑↑

Adipositas BMI ≥25–30 [3]

↑↑
Vorbestehender Diabetes mellitus Typ 1 oder 2 ↑↑
Chronische Hypertonie ↑↑
Familiäre Belastung
Vorbestehende Nierenerkrankung ↑↑
Alter >40 Jahre
African Americans [1][6], Menschen südasiatischer Herkunft [1] ↑, ↑↑
Nikotinabusus Keine Angabe
Schwangerschaftsassoziierte Faktoren Relatives Risiko

Z.n. Präeklampsie (Wiederholungsrisiko ca. 12–27%) [1]

↑↑↑
Proteinurie oder Gestationsproteinurie Keine Angabe
Erstgebärend ↑↑
Mehrlingsschwangerschaft ↑↑
Z.n. IVF/Eizellspende ↑↑↑
(Z.n.) Schwangerschaft mit IUGR Keine Angabe
Gestationsdiabetes [4] ↑↑
Fetale Chromosomenaberrationen (Trisomien, Hydrops fetalis, Blasenmole)
Bilaterales Notching / erhöhter Widerstand in den uterinen Gefäßen >24. SSW ↑↑
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Pathophysiologietoggle arrow icon

Im Detail sind die einzelnen pathophysiologischen Mechanismen noch nicht abschließend geklärt und daher Gegenstand aktueller Forschung. Nach derzeitigem Kenntnisstand wird als Ursache der Krankheit eine gestörte Entwicklung des plazentaren Gefäßsystems angesehen, die über zahlreiche Mechanismen zu einer Minderperfusion und folglich zu einer Gewebeischämie der Plazenta führt. Auf Grundlage dieser Pathophysiologie stellt die Beendigung der Schwangerschaft die einzige kausale Therapie dar. [7][8]

In manchen Fällen können sich Symptome der Präeklampsie/Eklampsie oder des HELLP auch postpartal zeigen! Dies ist vermutlich bedingt durch eine verzögerte Clearance antiangiogener Faktoren, durch eine Aktivierung des Komplementsystems nach Geburt und infolge von Mobilisierung extrazellulärer Flüssigkeit in das intravasale Kompartiment!

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Symptomatiktoggle arrow icon

Symptome eines schwangerschaftsinduzierten Hypertonus [9][11]

Symptome einer Präeklampsie

Die Symptome einer Präeklampsie müssen nicht zusammen auftreten und jedes Organ kann betroffen sein!

Warnzeichen für die Entwicklung einer schweren Präeklampsie sind Zeichen einer Endorganschädigung (Leber-, Nieren-, Blutbild- oder neurologische Beteiligung) und/oder fetale Wachstumsretardierung!

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Diagnostiktoggle arrow icon

Blutdruckmessung [1]

CTG [1]

  • Beurteilung der kindlichen Herztöne ab Lebensfähigkeit nach Standard (meist Fischer- oder FIGO-Score)
  • Zeitpunkt: Sofort bei stationärer Aufnahme, im Verlauf 1–3×/Tag

Körperliche Untersuchung bei hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen [1]

Klinischer Überwachungs-Score bei hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen [1]

MEOW-Score (modified early obstetric warning score) [1]
Kriterium 3 2 1 0 1 2 3
Sauerstoffsättigung (spO2) ≤85 86–89 90–95 ≥96
Atemfrequenz (pro min) <10 10–14 15–20 21–29 ≥30
Puls <40 41–50 51–100 101–110 110–129 ≥130
Systolischer Blutdruck (mmHg) ≤70 71–80 81–100 101–139 140–149 150–159 ≥160
Diastolischer Blutdruck (mmHg) ≤49 50–89 90–99 100–109 ≥110
Diurese (mL/h) 0 ≤20 ≤35 35–200 ≥200
Neurologie Agitiert Wach Reaktion auf Ansprache Reaktion auf Schmerz Keine Reaktion
Temperatur (°C) ≤35 35–36 36–37,4 37,5–38,4 ≥38,5
MEOW-Score nach Punkten
MEOWS 0–1 Normal
MEOWS 2–3 Stabil
MEOWS 4–5 Instabil
MEOWS ≥6 Kritisch

Labordiagnostik bei Präeklampsie [1]

Der Nachweis von Eiweiß ≥1+ im Urinschnelltest ist abklärungsbedürftig und sollte quantifiziert werden! [1]

Biochemische Marker [1]

Sonografie [1]

Ophthalmologisches Konsil (optional)

Ein negativer Fundusbefund des Auges schließt eine hypertensive Schwangerschaft nicht aus!

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Differenzialdiagnosentoggle arrow icon

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Therapietoggle arrow icon

Eine stabile SIH ohne weitere Symptome kann unter der Voraussetzung engmaschiger Kontrollen (Blutdruck, Gewicht, Präeklampsie-typische Symptomabfrage, Doppler-Sonografie in der Schwangerschaft, Fetometrie und Fruchtwasseruntersuchung, CTG, Labordiagnostik, klinische Untersuchung) und unter Stressreduktion und körperlicher Schonung auch ambulant überwacht werden. [1]

Indikationen zur stationären Aufnahme bei hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen [1]

Der Nachweis von Eiweiß ≥1+ im Urinschnelltest ist abklärungsbedürftig und sollte quantifiziert werden! [27367;51]

Antihypertensive Therapie bei hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen [1]

Anfallssuppressive Therapie bei hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen [1]

Therapie eines Lungenödems oder einer Herzinsuffizienz [1]

Indikation zur Entbindung bei hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen

Die Entbindung stellt die einzige kausale Therapie dar. Generell ist bei stabilem fetalem und maternalem Zustand eine vaginale Entbindung möglich. Bei gut eingestellten Patientinnen mit normotonen Blutdruckwerten ist eine vorzeitige Entbindung nicht indiziert.

≥37+0 SSW [1]

≥34+0 SSW [1]

24+0 SSW–33+6 SSW [1]

Die Entbindung vor der abgeschlossenen 34. SSW ist nur in wenigen Fällen indiziert und sollte gründlich gegenüber dem Risiko der Frühgeburtlichkeit abgewägt werden. I.d.R. ist ein konservatives Vorgehen (unter kontinuierlicher Überwachung) zu bevorzugen. Vor einer Entbindung sollte möglichst die Lungenreifeinduktion abgeschlossen sein.

<24+0 SSW [1]

  • Individuelle Entscheidung

Die einzige kausale Therapie einer schwangerschaftsinduzierten Hypertonie ist die Beendigung der Schwangerschaft!

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Postpartales Management und Nachsorgetoggle arrow icon

Obwohl sich der Blutdruck in den meisten Fällen kurz nach der Geburt wieder normalisiert, kann eine Exazerbation dennoch innerhalb von 7 Tagen postpartal auftreten. Daher sollten alle Patientinnen mit einer hypertensiven Schwangerschaftserkrankung postpartal überwacht werden. Langfristig ist eine internistische Kontrolle und Risikoabklärung indiziert. Das Ziel der postpartalen Nachbetreuung ist es, Langzeitschäden zu vermeiden, über die weitere Lebensführung zu beraten und sekundäre Ursachen der Hypertonie auszuschließen. [1]

Management nach Geburt

Postpartale Überwachung [1]

Postpartale medikamentöse Therapie

Antihypertensive Therapie [1]

  • Indikation: Persistierende Hypertonie
  • Ziel-Blutdruck: <135/85 mmHg
  • Prozedere
    • Fortsetzen der bisherigen (präpartalen) antihypertensiven Therapie
    • Ggf. Dosisanpassung und Umstellung auf orale Medikation
    • Gabe kurzwirksamer i.v. Medikamente
      • Bei Blutdruck >150–160/100–110 mmHg >15 min oder
      • Bei diastolischem Blutdruck >120 mmHg mit Endorganschäden
  • Medikamente (in der Stillzeit zugelassen)
  • Bei hypertensiver Entgleisung: Medikamentöse Akuttherapie (unter Beachtung klinikinterner Standards)

Anfallssuppressive Therapie [1]

Weitere Maßnahmen

Postpartale Komplikationen [1]

Vorgehen bei Entlassung [1]

  • Allgemein: Siehe auch Management bei Entlassung von der Wöchnerinnenstation
  • Spezifisch bei hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen
    • Ausführliche Beratung und Information, insb. über
      • Verlauf
      • Wiederholungs- und Langzeitrisiken (bspw. erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen)
      • Notwendige Medikation
      • Nachsorgeuntersuchungen und Kontrollen
    • Anleitung zur Blutdruckselbstmessung

Management nach stationärer Entlassung [1]

  • Blutdruckkontrolle [1]
    • Selbstmessung durch Patientin für mind. 12 Wochen
    • Regelmäßige ärztliche Kontrollen
  • Antihypertensive Therapie
    • Dosisanpassung bei Blutdruck ≤140/90 mmHg möglich
    • Ausschleichen der Medikation i.d.R. bis zur 6.–12. Woche möglich
    • Bei ausbleibender Normalisierung des Blutdrucks: Weiterführende Diagnostik der arteriellen Hypertonie
  • Gynäkologische Nachkontrolle nach Geburt

Langfristiges Management (ab 3 Monate bis 6 Monate postpartal) [1]

Bei Patientinnen mit Z.n. hypertensiver Schwangerschaftserkrankung besteht ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen , neurologische Erkrankungen , metabolische Erkrankungen und chronische Niereninsuffizienz. [1]

  • Internistische Abklärung und Beratung
    • Ausschluss anderer, sekundärer Ursachen der Hypertonie/Komplikationen
    • Gewichtskontrollen mit Ziel-BMI <25
    • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen im Verlauf (ca. alle 5 Jahre)
    • Prozedere bei Folgeschwangerschaft (siehe: Präeklampsie-Screening)
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Komplikationentoggle arrow icon

Eklampsie

Kopfschmerzen und Sehstörungen sind Warnsymptome für einen epileptischen Anfall im Rahmen einer Eklampsie!

In einigen Fällen kann ein epileptischer Anfall im Rahmen einer Eklampsie auch noch nach der Entbindung auftreten!

HELLP-Syndrom

Es ist ungeklärt, ob das HELLP-Syndrom ein eigenständiges Krankheitsbild oder eine Komplikation der schwangerschaftsinduzierten Hypertonie bzw. Präeklampsie ist. Nach ICD-10 wird das HELLP-Syndrom als Verlaufsform der Präeklampsie behandelt.

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

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Prognosetoggle arrow icon

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Präventiontoggle arrow icon

Präeklampsie-Screening [1][14]

Beim Präeklampsie-Screening im ersten Trimenon handelt es sich um ein kombiniertes Screening, das biochemische, biophysikalische Einflussgrößen sowie anamnestische Faktoren berücksichtigt und mithilfe des FMF-Algorithmus (siehe: Tipps & Links) über 90% der Schwangeren identifizieren kann, die im Verlauf eine Early-Onset-Präeklampsie entwickeln. Zur Prädiktion einer Late-Onset-Präeklampsie ist das Screening nicht geeignet. Die Untersuchung wird nicht von der Krankenkasse bezahlt, soll aber jeder Schwangeren angeboten werden. [1]

Im zweiten und dritten Trimenon erfolgt das Screening im Rahmen der regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft. Dabei wird u.a. der Blutdruck gemessen und der Urin auf eine Proteinurie untersucht. Ein darüber hinausgehendes Screening wird nicht empfohlen. Bei V.a. eine hypertensive Schwangerschaftserkrankung werden folgende Untersuchungen durchgeführt:

Prophylaxe [1][3][15]

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Studientelegramme zum Thematoggle arrow icon

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025toggle arrow icon

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.

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