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Amyotrophe Lateralsklerose

Letzte Aktualisierung: 27.11.2025

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Bei der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) handelt es sich um eine neurodegenerative Erkrankung des 1. und 2. Motoneurons sowie kortikaler Areale (motorische und nicht-motorische). Die Krankheit manifestiert sich meist im 6.–8. Lebensjahrzehnt und beginnt häufig mit atrophischen Paresen der kleinen Handmuskeln oder anderer Muskelgruppen (Bulbärregion, Rumpfmuskulatur, Beinmuskulatur), die sich im Verlauf der Erkrankung auf weitere motorische Einheiten ausbreiten. Pathognomonisch für die ALS ist das Mischbild schlaffer atrophischer (2. Motoneuron) und spastischer (1. Motoneuron) Paresen. Beim Befall der Bulbärregion kommt es zu Schluck- und Sprechstörungen, bei Befall der thorakalen Region zu Rumpfinstabilität und Schwächung der Atemhilfsmuskulatur. Als klinische Zeichen der Denervierung treten neben Paresen auch Faszikulationen der Muskeln und Fibrillationen der Zunge auf. Im weiteren Krankheitsverlauf entwickeln einige ALS-Erkrankte zudem eine frontotemporale Demenz (ALS-FTD). Eine kurative Therapie existiert nicht, durch einige Therapieoptionen kann die Überlebenszeit allerdings verlängert und die Lebensqualität gesteigert werden. Seit der Markteinführung des Antisense-Oligonukleotids Tofersen ist ein kausaler (allerdings nicht kurativer) Therapieansatz für Betroffene mit SOD1-Genmutation verfügbar. Patient:innen versterben meist an respiratorischer Insuffizienz oder Komplikationen, die mittlere Überlebenszeit beträgt 3–5 Jahre.

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Epidemiologietoggle arrow icon

  • Inzidenz: 2–3 Fälle/100.000 Einwohner:innen pro Jahr [2][3][4]
  • Punktprävalenz: Etwa 6.000–8.000 Menschen in Deutschland
  • Geschlecht: >
  • Alter: Häufigster Erkrankungsbeginn zwischen 6. und 8. Lebensjahrzehnt, bei familiärer Form um das 50. Lebensjahr
  • Verbreitung: Sporadische, familiäre und endemische Formen

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

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Ätiologietoggle arrow icon

Ätiologische Formen

  • Sporadisch (sporadische ALS, SALS)
    • Etwa 90–95% der Fälle
    • Ursache nicht bekannt, multifaktorielle und polygenetische Genese wahrscheinlich
  • Familiär gehäuft (familiäre ALS, FALS)
    • Etwa 5–10% der Fälle
    • Voraussetzung: Mind. 2 Familienmitglieder betroffen
    • Erbgang: Überwiegend autosomal-dominant, hauptsächlich mit unvollständiger Penetranz
      • I.d.R. monogene Vererbung
  • Genetische ALS: Familiäre oder sporadische ALS mit Mutationsnachweis in einem ALS-Gen
  • Endemisch: Guam-Parkinson-Demenz-Komplex (Lytico-Bodig-Krankheit, Guam-Krankheit) [5][6]
    • Stark gehäuftes Auftreten auf Inseln des West-Pazifiks, insb. Guam, im 20. Jahrhundert
    • Prävalenz in betroffenen Gebieten um den Faktor 50–100 gesteigert, in den letzten Jahrzehnten stark rückläufig
    • Am wahrscheinlichsten durch den Verzehr einer neurotoxinhaltigen Pflanze
    • Klinisches Bild: Kombination aus ALS-Symptomen und atypischem Parkinsonsyndrom mit früher demenzieller Entwicklung

Mögliche Genmutationen

  • C9orf72-Gen (bei 25–30% aller FALS-Fälle in Europa, bei ca. 10% der SALS-Fälle) [1]
    • Symptomatik: Schnellerer Krankheitsverlauf, häufiger Beginn mit Bulbärsymptomen und Überlappung mit frontotemporaler Demenz (ALS/FTD) als bei anderen Formen der ALS
  • Kupfer-Zink-Superoxiddismutase-Gen (SOD1) (bei 10–20% der FALS-Fälle in Europa, bei 3% der SALS-Fälle)
  • FUS-Gen (bei 4–6% der FALS-Fälle, selten auch bei SALS)
  • TDP-43-Gen (bei <5% der FALS-Fälle, ebenfalls selten bei SALS auftretend) [7]
  • Ataxin2-Gen (ATXN) [1][8]
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Pathophysiologietoggle arrow icon

Ausbreitungsmuster

Pathomechanismen

  • Proteinopathie: Dislokation von TDP-43-Proteinen vom neuronalen Zellkern ins Zytoplasma → Vorzeitige Neurodegeneration [9][10]
  • Kortikale Ausbreitung: Aggregate gehen auf benachbarte Zellen über → Prionähnliche Ausbreitung im Kortex [1][11][12][13]
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Symptomatiktoggle arrow icon

Vollbild der ALS [1]

Typisch für die ALS ist das gleichzeitige Auftreten von Zeichen des 1. und des 2. Motoneurons!

Initialsymptomatik [1]

Die Symptomatik ist zu Beginn häufig gering ausgeprägt und unspezifisch. Die Diagnose wird deshalb häufig erst verzögert und nach zahlreichen Arztbesuchen gestellt!

Symptomatik im Verlauf [1]

Faszikulationen sind nicht pathognomonisch für die ALS! Sie können auch bei anderen Erkrankungen, als unerwünschte Arzneimittelwirkung oder insb. als benigne Faszikulationen ohne Krankheitswert auftreten.

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Verlaufs- und Sonderformentoggle arrow icon

Allgemeines [14]

  • Breites Spektrum klinischer Erscheinungsformen, bspw. mit Symptomen ausschließlich des 1. oder des 2. Motoneurons
  • Varianten wurden historisch lange als separate Krankheitsentitäten angesehen
  • Im Krankheitsverlauf Übergang in klassische ALS möglich
  • Prognose je nach Form oft deutlich schlechter oder besser als klassische Form

Progressive Bulbärparalyse (PBP )

Amyotrophe Lateralsklerose mit frontotemporaler Demenz (ALS-FTD)

Primäre Lateralsklerose (PLS)

  • Definition: Klinisch ausschließlich Zeichen der Degeneration des 1. Motoneurons
  • Symptome
  • Zusatzdiagnostik: EMG zum Ausschluss einer subklinischen Denervierung als Schädigungszeichen des 2. Motoneurons
  • Therapie: Symptomatisch (Myotonolytika wie Baclofen, Physiotherapie)
  • Prognose
    • Langsamere Progression und längeres Überleben als bei der klassischen ALS
    • Bei zusätzlichen Zeichen der Schädigung des 2. Motoneurons im Verlauf (häufig): Diagnosestellung einer klassischen ALS (siehe: Behandlung der ALS)

Progressive Muskelatrophie (PMA )

  • Definition: Klinisch ausschließlich Zeichen der Degeneration des 2. Motoneurons
  • Symptome
  • Diagnostik
    • Klinischer und elektrophysiologischer Nachweis (EMG) der Degeneration des 2. Motoneurons in mind. zwei Regionen
    • Häufig subklinisch Beteiligung des 1. Motoneurons
  • Differenzialdiagnosen: Erbliche Erkrankungen des unteren Motoneurons, motorische Neuropathien, Myopathien sowie Erkrankungen der muskulären Endplatte
  • Prognose
    • Mediane Überlebenszeit etwa 4 Jahre, daneben auch längere Verläufe
    • Übergang in eine klassische ALS (20–30% der Fälle) möglich, dann Behandlung der ALS

Flail-Arm-Syndrom und Flail-Leg-Syndrom [16]

  • Definition
    • Progrediente Paresen und Muskelatrophien
    • Betreffen insb. das 2. Motoneuron, im Verlauf häufig auch das 1.
  • Epidemiologie
  • Prognose
    • Verlauf milder als typische Verlaufsform der ALS
    • Meist >2 Jahre bis zur Ausbreitung auf weitere Regionen
    • Medianes Überleben ca. 5–6 Jahre
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Diagnostiktoggle arrow icon

Diagnostische Prinzipien [1]

  • Primär klinische Diagnose
  • Weitere Schritte insb. zur Ausschlussdiagnostik und Erhöhung der Diagnosesicherheit
  • Bei im Verlauf auftretenden untypischen Symptomen: ALS-Diagnose kritisch hinterfragen und Diagnostik wiederholen

Diagnosestellung nach Gold-Coast-Kriterien [17][18][19][20][21]

  • Definition: Fortschreitende motorische Beeinträchtigung bei zuvor normaler motorischer Funktion mit
    • Nachweis einer Schädigung des 1. und 2. Motoneurons in einer Region oder
    • Nachweis einer Schädigung des 2. Motoneurons in mind. 2 Regionen
    • Und Ausschluss von Differenzialdiagnosen
  • Veraltete Diagnosekriterien: 1+1-Regel (2015), (revidierte) El-Escorial-Kriterien (2000 bzw. 1994) , Awaji-Kriterien (2007)

Aufgrund der großen Heterogenität der ALS-Verlaufsformen ist eine gründliche neurologische Untersuchung essenziell! Wegen der zahlreichen ALS-Mimics ist außerdem eine besonders sorgfältige Ausschlussdiagnostik wichtig.

Neurologische Untersuchung

Basisdiagnostik [1]

Erweiterte Diagnostik

  • Muskelbiopsie: Selten indiziert, insb. bei atypischen Befunden zum Ausschluss einer Einschlusskörperchenmyositis oder Polymyositis
  • Genetische Diagnostik [10]
    • Indikation: Allen Betroffenen anbieten
    • Standard-ALS-Panel: SOD1, FUS, C9orf72, TARDBP
    • Gesetzliche Aspekte
      • Beratung nach Gendiagnostikgesetz sowie schriftliche Einwilligung obligat [1]
      • Prädiktive Diagnostik klinisch nicht betroffener Familienmitglieder (Geschwister und Kinder der Indexperson) nur nach Vorstellung bei Fachärzt:innen für Humangenetik
  • Liquordiagnostik: Insb. zur Differenzialdiagnostik und Ausschluss entzündlicher Erkrankungen
    • Möglicher Befund bei ALS: Leicht erhöhtes Gesamtprotein, erhöhte NfL und pNfH [1][22][23]
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OPM-Klassifikation der ALStoggle arrow icon

Phänotypisierung der ALS mithilfe der OPM-Klassifikation

  • Ziel: Strukturierte Zuordnung der individuellen ALS zu einem Phänotyp, insb. für
    • Prognoseabschätzung
    • Therapieentscheidungen
    • Forschung
OPM-Klassifikation der ALS [24]
Kategorie Abstufungen
0
  • Onset“
  • Zuerst betroffene Region
  • Kopf
  • Arm (distal vs. proximal)
  • Rumpf (respiratorisch vs. axial)
  • Bein (distal vs. proximal)
P
  • Propagation pattern“
  • Ausbreitungsmuster motorischer Symptome
  • PE: Frühe Ausbreitung
  • PL: Späte Ausbreitung
  • PN: Nicht klassifizierbar
M
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Pathologietoggle arrow icon

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Differenzialdiagnosentoggle arrow icon

Differenzialdiagnosen nach initialer Symptomatik (Auswahl) [25]

Periphere Paresen

Zentrale Paresen

Bulbäre Symptomatik

Armparesen und Paraspastik

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Therapietoggle arrow icon

Versorgungsgrundsätze von ALS-Patient:innen [1]

Im Vordergrund der ALS steht die vielgestaltige supportive Therapie, die zahlreiche Symptome lindern kann!

Verlaufsmodifizierende Therapie

  • Tofersen [26][27]
  • Riluzol [1]
    • Wirkung: Geringe Verlangsamung der Krankheitsprogression mit Verlängerung der medianen Überlebenszeit um ca. 3–4 Monate
    • Wirkmechanismus: U.a. antiglutamaterge Wirkung, Wirkmechanismus hinsichtlich einer verzögerten Progression bei der ALS unklar
    • Häufigste unerwünschte Wirkungen: Übelkeit, Schwäche, Müdigkeit, hepatische Toxizität, selten Neutropenie
    • Kontraindikationen: Schwere Lebererkrankungen, Transaminasen-Erhöhung über das dreifache des oberen Grenzwertes, Schwangerschaft, Stillzeit
    • Therapiemonitoring: Transaminasen im 1. Vierteljahr monatlich, im weiteren Verlauf vierteljährlich kontrollieren
  • Edaravone (im deutschsprachigen Raum nur in der Schweiz zugelassen (Radicava®)) [1][28][29]
    • Wirkung: Bisher keine Wirksamkeit nachgewiesen, allenfalls Hinweise auf Wirksamkeit in Subpopulation , daher keine generelle Empfehlung zur Therapie in Europa
    • Wirkungsmechanismus: Antioxidantium
    • Häufigste unerwünschte Wirkungen: Gangstörung, Hämatome

Mit der Zulassung von Tofersen steht erstmals für eine Untergruppe von ALS-Betroffenen ein kausaler Therapieansatz zur Verfügung! Mit der dynamischen Forschungsentwicklung im Bereich der Antisense-Oligonukleotide werden in Zukunft hier weitere Fortschritte erwartet.

Symptomatische Therapie

Allgemein

  • Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie [1]
    • Mobilisierung und Regulation eines erhöhten Muskeltonus, Vermeidung von Kontrakturen
    • Erhalt von Restfunktionen
    • Kräftigung nicht betroffener Muskelgruppen zum Aufbau von Reservekapazitäten
    • Erlernen von Kompensationsmechanismen für verlorene Fähigkeiten/Muskelkraft
    • Erlernen des Gebrauchs von Hilfsmitteln
    • Atemtherapie
    • Logopädie: Schlucktraining, Sprachtraining
  • Hilfsmittelversorgung nach Bedarf
    • Mobilität
      • Peronäusschiene
      • Halskrause
      • Gehstock, Rollator oder (Elektro‑)Rollstuhl
    • Kommunikation
      • Kommunikationstafeln
      • Computergestützte Kommunikationshilfen
    • Pflegehilfen
      • Badewannenlift
      • Duschstuhl
      • Toilettensitzerhöhung
      • Toilettenstuhl
      • Pflegebett
    • Atemhilfen (s.u.)

Therapie der chronischen respiratorischen Insuffizienz

Frühzeitig sollte besprochen und dokumentiert werden, ob eine notfallmäßige Intubation gewünscht ist!

Therapie weiterer Symptome[1]

Therapie der terminalen respiratorischen Insuffizienz

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Prognosetoggle arrow icon

  • Mittlere Überlebenszeit: 3–5 Jahre
  • Rund 10% der Patient:innen überleben länger als 10 Jahre
  • Mit einer schlechteren Prognose gehen einher:
  • Mit einer besseren Prognose gehen einher:
  • Meist führt die zunehmende Ateminsuffizienz zum Tode

Prognoseabschätzung der ALS

  • Durch spezialisierte Zentren anhand von
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Meditrickstoggle arrow icon

In Kooperation mit Meditricks bieten wir durchdachte Merkhilfen an, mit denen du dir relevante Fakten optimal einprägen kannst. Dabei handelt es sich um animierte Videos und Erkundungsbilder, die auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend sind. Die Inhalte liegen meist in Lang- und Kurzfassung vor, enthalten Basis- sowie Expertenwissen und teilweise auch ein Quiz sowie eine Kurzwiederholung. Eine Übersicht aller Inhalte findest du im Kapitel „Meditricks“. Meditricks gibt es in unterschiedlichen Paketen – für genauere Informationen empfehlen wir einen Besuch im Shop.

Amyotrophe Lateralsklerose

Inhaltliches Feedback zu den Meditricks-Videos bitte über den zugehörigen Feedback-Button einreichen (dieser erscheint beim Öffnen der Meditricks).

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025toggle arrow icon

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.

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