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Lokalanästhetika

Letzte Aktualisierung: 20.2.2025

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Lokalanästhetika sind eine Gruppe von Medikamenten, die bevorzugt zur Lokalanästhesie eingesetzt werden, d.h. sowohl für die Oberflächen- und Infiltrationsanästhesie als auch für die Regionalanästhesie. Ihre Wirkung beruht auf einer unselektiven reversiblen Blockade von spannungsabhängigen Natriumkanälen in der Nervenzellmembran. Entsprechend ihrer chemischen Struktur werden sie in Lokalanästhetika vom Estertyp und Lokalanästhetika vom Amidtyp eingeteilt. Je nach Wirkdauer unterscheidet man kurz-, mittellang- und langwirksame Lokalanästhetika.

Die Blockade spannungsabhängiger Natriumkanäle durch das Lokalanästhetikum verhindert die Auslösung eines Aktionspotenzials an der Nervenzellmembran und somit die Entstehung und Weiterleitung eines Schmerzreizes. Zusätzlich erfolgt dosis- und substanzabhängig auch eine sympathische und motorische Blockade. Lidocain kann zudem auch als Antiarrhythmikum verwendet werden. Nebenwirkungen von Lokalanästhetika umfassen u.a. lokale Neuro- oder Myotoxizität und allergische Reaktionen. Eine schwere, aber seltene Komplikation stellt die systemische Lokalanästhetika-Intoxikation dar.

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Übersichttoggle arrow icon

Einteilung

Chemische Struktur

Lokalanästhetika bestehen aus einem lipophilen aromatischen Ring und einer hydrophilen Aminogruppe – verbunden über eine Ester- oder Amidbindung!

Lokalanästhetika vom Estertyp [1][2][3]

  • Wirkstoffe: Procain, Chloroprocain, Tetracain, Benzocain
  • Chemische Struktur: Aminoester (R-CO-OR)
  • Besonderheit: Kürzere Wirkdauer und höheres allergisches Potenzial

Lokalanästhetika vom Amidtyp [1][2][3][4]

Wirkstoffe mit zwei „i“ sind Amide, Wirkstoffe mit einem „i“ sind Ester!

Lokalanästhetika vom Estertyp unterscheiden sich hinsichtlich des Abbaus von Lokalanästhetika vom Amidtyp – dies erklärt ihr höheres allergisches Potenzial und ihre eher kürzere Wirkdauer!

Charakteristika

Charakteristika der Lokalanästhetika
Wirkstoffgruppe Wirkstoff Wirkdauer [5][6] Besonderheiten [2]
Kurzwirksame Lokalanästhetika
  • Procain (z.B. Novocain®)
  • 45–60 min
  • Anwendung heutzutage seltener
  • Historische Bedeutung: Erstes synthetisches Kokain-Derivat
  • Dient als Referenzsubstanz für die Potenz der Lokalanästhetika
  • Erhöhtes Allergierisiko
  • Chloroprocain (z.B. Ampres®)
  • 30–45 min
Mittellangwirksame Lokalanästhetika
  • Lidocain (z.B. Xylocain®)
  • 60–120 min
  • Prilocain (z.B. Xylonest®, Takipril®)
  • 60–120 min
  • Mepivacain (z.B. Scandicain®)
  • 90–180 min
  • Articain (z.B. Ultracain®, Ubistesin®)
  • 30–180 min
  • Anwendung insb. in der Zahnmedizin
  • Thiophen-Ring besitzt Seitenkette mit Ester-Bindung
  • Tetracain (z.B. Ophtocain®)
  • 60–180 min
  • Anwendung heutzutage seltener
  • Hohe Kardiotoxizität
Langwirksame Lokalanästhetika
  • Bupivacain (z.B. Bucain®, Carbostesin®)
  • 240–480 min
  • Starke motorische Blockade
  • Hohe Kardiotoxizität
  • Levobupivacain (z.B. Chirocain®)
  • 75–250 min
  • Ropivacain (z.B. Naropin®)
  • 240–360 min

Eine Mischung aus Lidocain und Prilocain (EMLA®) wird zur Oberflächenanästhesie für kleinere Eingriffe oder zur Anlage einer Venenverweilkanüle (insb. bei Kindern) eingesetzt!

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Wirkungtoggle arrow icon

Allgemeine Wirkungen [1][6][7]

Die unterschiedliche Empfindlichkeit der Nervenfasertypen gegenüber Lokalanästhetika führt zum sog. Differenzialblock!

Wirkmechanismus [1][7][8]

Lokalanästhetika inhibieren das Schmerzempfinden durch eine reversible Blockade der Erregungsweiterleitung!

Wirkstärke (Potenz) [8]

  • Einfluss der Lipophilie [14]
    • Hohe Lipophilie → Leichteres Eindringen in Myelinscheide → Höhere Potenz, stärkere motorische Blockade
    • Bestimmung der Lipophilie über die Lipidlöslichkeit des Lokalanästhetikums in organischem Lösungsmittel
  • Einfluss der Substituenten
    • Langer Rest → Höhere Potenz [1]
    • Länge des Substituenten am aromatischen Rest, bspw. Methyl-, Propanyl- oder Butylgruppe
Übersicht über die Wirkstärke der Lokalanästhetika [2][8]
Wirkstoff Potenz Lipidlöslichkeit
Procain 1 <1
Chloroprocain 4 1
Lidocain 1–2 3–4
Prilocain 1–2 0,8
Mepivacain 1–2 1
Tetracain 16 80
Bupivacain 4–6 28
Levobupivacain 16 28
Ropivacain 4–6 6

Je höher die Lipophilie eines Lokalanästhetikums, desto höher ist seine Potenz!

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Pharmakokinetiktoggle arrow icon

Allgemeine Pharmakokinetik

Aufnahme und Verteilung [2]

Alle gebräuchlichen Lokalanästhetika sind schwache Basen und haben einen pKS-Wert oberhalb des physiologischen pH-Wertes!

Je näher der pKS-Wert eines Lokalanästhetikums am pH-Wert liegt, desto schneller sind (aufgrund des hohen Anteils der nicht-protonierten Form) Membranpassage und Wirkeintritt!

Wirkbeginn [2]

Die Passage der Zellmembran erfolgt nur in nicht-protonierter Form, die Blockade am intrazellulären Anteil des Natriumkanals nur in protonierter Form!

Im entzündeten Gewebe (niedriger pH-Wert) können Lokalanästhetika die Zellmembran nicht überwinden und bleiben fast wirkungslos!

Wirkdauer [14]

Je ausgeprägter die Proteinbindung, desto länger ist die Wirkdauer!

Elimination [2][16]

Lokalanästhetika vom Estertyp kumulieren eher bei einem Butyrylcholinesterasemangel, Lokalanästhetika vom Amidtyp hingegen bei Leberinsuffizienz!

Pharmakokinetische Parameter

Pharmakokinetische Parameter der Lokalanästhetika [2][8]
Wirkstoff pKS Wirkbeginn Plasmaproteinbindung (%) Eliminationshalbwertszeit (min) [8][17]
Procain 8,9 Langsam 5 Wenige Minuten
Chloroprocain 9,1 Schnell 7 Wenige Minuten
Lidocain 7,9 Schnell 65 96
Prilocain 7,7 Schnell 55 96
Mepivacain 7,6 Schnell 75 114
Tetracain 8,6 Langsam 75–85 Wenige Minuten
Bupivacain 8,1 Langsam 95 162
Levobupivacain 8,1 Langsam 96 162
Ropivacain 8,1 Langsam 94 111

Der pKS-Wert beeinflusst den Wirkeintritt, die Proteinbindung, die Wirkdauer und die Lipidlöslichkeit eines Lokalanästhetikums sowie dessen Potenz!

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Nebenwirkungtoggle arrow icon

Es werden die wichtigsten Nebenwirkungen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

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Systemische Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST)toggle arrow icon

Epidemiologie und Ätiologie

Die systemische Lokalanästhetika-Intoxikation ist eine seltene, jedoch potenziell lebensbedrohliche Komplikation, die auf der unerwünschten systemischen Wirkung von lipophilen Lokalanästhetika beruht!

Hypoxie, Azidose und Hyperkaliämie potenzieren die systemische Toxizität von Lokalanästhetika! [2]

Pathophysiologie

Symptome/Klinik

Initiale kardiale Symptome sind meist Blutdruckanstieg und Tachykardie (bedingt durch eine zentrale Blockade inhibitorischer Neurone mit erhöhtem Sympathikotonus), später überwiegt die kardiodepressive Wirkung!

Es können auch isolierte kardiale Symptome auftreten, ohne dass zentralnervöse Anzeichen einer Intoxikation vorhanden sind!

Diagnostik

Störungen der Homöostase (Hypoxie, Azidose, Elektrolytstörungen) verstärken die Symptomatik und sollten daher frühzeitig erkannt und behandelt werden!

Therapie

Die systemische Lokalanästhetika-Intoxikation ist potenziell lebensbedrohlich und erfordert ein unverzügliches, systematisches Handeln!

Prävention einer systemischen Lokalanästhetika-Intoxikation

Als Präventionsmaßnahme kann ein Epinephrinzusatz erwogen werden, bevorzugt sind jedoch weniger lipophile Lokalanästhetika bzw. geringere Dosierungen einzusetzen!

Lokalanästhetika sollten langsam, fraktioniert und unter regelmäßiger Aspiration injiziert werden!

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Indikationtoggle arrow icon

Oberflächenanästhesie

Infiltrationsanästhesie [26]

Intravenöse Regionalanästhesie [1][27]

Periphere Leitungsanästhesie

Rückenmarksnahe Leitungsanästhesie

Spinalanästhesie

Periduralanästhesie

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Maximaldosierungentoggle arrow icon

Orientierende Maximaldosierungen der Lokalanästhetika (Erwachsene)
Wirkstoff Tagesmaximaldosis
Procain [30]
Chloroprocain [31]
Lidocain [32]
  • 200–400 mg (≙ 20–40 mL Lidocain 1%)
Prilocain [33]
Mepivacain [34]
Tetracain
  • 20 mg als Einzeldosis bzw. 1 mg/kgKG bei topischer Anwendung
Bupivacain [35][36]
  • 150 mg als Einzeldosis (≙ 30 mL Bupivacain 0,5%)
  • 400 mg bei kontinuierlicher Gabe (≙ 160 mL Bupivacain 0,25%)
Levobupivacain
Ropivacain [37][38]
  • 225 mg als Einzeldosis (≙ 30 mL Ropivacain 0,75%)
  • 675 mg bei kontinuierlicher Gabe (≙ 337,5 mL Ropivacain 0,2%)

Die orientierenden Maximaldosierungen laut Fachinformationen werden durch Injektionsort und -technik sowie patienteneigene Faktoren beeinflusst!

Die Maximaldosierungen der Lokalanästhetika bei Kindern weichen von denen Erwachsener ab und orientieren sich am Körpergewicht!

Eine Überschreitung toxischer Plasmaspiegel ist auch bei Einhaltung der Maximaldosis möglich! [19]

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Adjuvanzientoggle arrow icon

Adrenalin [2][8][23][24][25]

  • Lokalanästhetika mit Epinephrinzusatz
    • Fertige Präparate mit fester Dosierung
    • Individuell hergestellte Mischung mit variabler Dosierung
  • Indikation
  • Wirkung
  • Besonderheiten
    • Möglicherweise neurotoxische Wirkung
    • Risiko für Nekrosen bei Anwendung in Endstromgebieten
    • Keine intrathekale Gabe empfohlen [40]
    • Kein verlässlicher Marker für akzidentelle intravaskuläre Injektion bei

Bei der Spinalanästhesie gilt der Zusatz von Epinephrin als obsolet! [2]

Opioide [2][7]

Der Zusatz von Morphin intrathekal erfordert eine verlängerte Überwachungszeit – bis zu 24 h nach Anwendung kann es zur Atemdepression kommen!

Clonidin [2][41]

Dexmedetomidin

Ketamin

Dexamethason [7][43]

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Meditrickstoggle arrow icon

In Kooperation mit Meditricks bieten wir durchdachte Merkhilfen an, mit denen du dir relevante Fakten optimal einprägen kannst. Dabei handelt es sich um animierte Videos und Erkundungsbilder, die auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend sind. Die Inhalte liegen meist in Lang- und Kurzfassung vor, enthalten Basis- sowie Expertenwissen und teilweise auch ein Quiz sowie eine Kurzwiederholung. Eine Übersicht aller Inhalte findest du im Kapitel „Meditricks“. Meditricks gibt es in unterschiedlichen Paketen – für genauere Informationen empfehlen wir einen Besuch im Shop.

Lokalanästhetika

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2021toggle arrow icon

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