Zusammenfassung
Bei der amyotrophen Lateralsklerose handelt es sich um eine degenerative Erkrankung des 1. und 2. Motoneurons. Die Krankheit manifestiert sich meist im 6.–8. Lebensjahrzehnt und beginnt häufig mit atrophischen Paresen der kleinen Handmuskeln oder anderer Muskelgruppen (Schulter, Waden). Im Verlauf breitet sich die Erkrankung auf weitere Muskeln aus, wobei sich das Bild schlaffer atrophischer (2. Motoneuron geschädigt) mit dem spastischer Paresen (1. Motoneuron geschädigt) mischt. Bei Befall der kaudalen Hirnnerven kommt es zu einer bulbären Symptomatik mit Schluck- und Sprechstörungen. Weiterhin treten Faszikulationen der Muskeln und Fibrillationen der Zunge auf. Sensibilitätsstörungen sind zwar kein typisches Symptom der Erkrankung, treten im Verlauf jedoch bei einem Teil der Patienten auf. Eine kurative Therapie existiert nicht, durch zahlreiche symptomatische Therapieoptionen kann die Überlebenszeit allerdings verlängert und die Lebensqualität gesteigert werden. Die Patienten versterben meist 2–5 Jahre nach Krankheitsmanifestation an einer respiratorischen Insuffizienz.
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Epidemiologie
- Inzidenz: 2–3 Fälle/100.000 Einwohner pro Jahr
- Geschlecht: ♂ > ♀
- Alter: Häufigster Erkrankungsbeginn zwischen 6. und 8. Lebensjahrzehnt, bei familiärer Form um das 50. Lebensjahr
- Verbreitung: Sporadische, familiäre und endemische Formen
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
Ätiologische Formen
Die Unterscheidung zwischen familiärer und sporadischer ALS ist aus verschiedenen Gründen nur eingeschränkt möglich. So konnten mehrere pathogene Mutationen der familiären ALS auch bei der sporadischen ALS nachgewiesen werden. Auch ist das Erkrankungsrisiko von Verwandten ersten Grades eines an sporadischer ALS Erkrankten gegenüber der Normalbevölkerung leicht gesteigert. Zudem kann es aufgrund des relativ hohen Lebenszeitrisikos von etwa 1:400 für das Auftreten einer ALS auch zu mehreren Fällen sporadischer ALS in einer Familie kommen, ohne dass dies zwingend genetisch bedingt sein muss.
- Sporadisch (sporadische ALS, SALS)
- Etwa 90–95% der Fälle
- Ursache nicht bekannt, multifaktorielle Genese wahrscheinlich
- Familiär gehäuft (familiäre ALS, FALS)
- Etwa 5–10% der Fälle
- Voraussetzung: Mind. zwei Familienmitglieder betroffen
- Erbgang: Überwiegend autosomal-dominant, hauptsächlich mit unvollständiger Penetranz
- I.d.R. monogene Vererbung
- Endemisch: Als Western Pacific ALS (ALS PD complex) in Kombination mit Demenz und Parkinson-Syndrom auf Inseln im Westpazifik
- Die Ursache des endemischen Auftretens ist unbekannt, ein auslösender Umweltfaktor konnte bisher nicht identifiziert werden
- Prävalenz in betroffenen Gebieten um den Faktor 50–100 gesteigert, in den letzten Jahrzehnten rückläufig
Mögliche Genmutationen
- C9orf72-Gen (bei 25–30% aller FALS-Fälle in Europa, bei ca. 10% der SALS-Fälle)
- Klinik: Schnellerer Krankheitsverlauf, häufiger Beginn mit Bulbärsymptomen und Überlappung mit frontotemporaler Demenz (ALS/FTD) als bei anderen Formen der ALS
- Kupfer-Zink-Superoxiddismutase-Gen (SOD1) (bei 10–20% der FALS-Fälle in Europa, bei 3% der SALS-Fälle)
- FUS-Gen (bei 4–6% der FALS-Fälle, selten auch bei SALS)
- TDP-43-Gen (bei 4–8% der FALS-Fälle, ebenfalls selten bei SALS auftretend) [2][3]
Symptomatik
Vollbild der ALS
- Zeichen der Schädigung des 1. Motoneurons (spastische Paresen, Hyperreflexie, Pyramidenbahnzeichen) und des 2. Motoneurons (schlaffe Paresen, Muskelatrophie, Faszikulationen und Fibrillationen, Reflexabschwächung oder -ausfall)
Initialsymptomatik
- Muskelatrophien und progrediente Paresen, Letztere i.d.R. zu Beginn lokalisiert und asymmetrisch an distalen Muskeln (z.B. an den kleinen Handmuskeln oder der Wadenmuskulatur)
- Fibrillationen der Zunge und Faszikulationen
- Schmerzhafte Muskelkrämpfe („Crampi“)
- Sprech- und Schluckstörungen
- Sensibilitätsstörungen (kein primäres Symptom, jedoch kein Ausschlusskriterium!)
Die Symptomatik ist zu Beginn häufig gering ausgeprägt und unspezifisch. Die Diagnose wird deshalb häufig erst verzögert und nach zahlreichen Arztbesuchen gestellt!
Symptomatik im Verlauf
- Ausbreitung der Paresen mit dem Vollbild spastischer und atropher Lähmungen
- Leichte kognitive Einschränkungen und Verhaltensstörungen bei bis zu 50% der Patienten, ausgeprägte fronto-temporale Dysfunktionen (Persönlichkeitsveränderungen, Enthemmung) bei etwa 5% der Patienten.
- Gewichtsverlust bis zur Kachexie
-
Chronische respiratorische Insuffizienz bei Lähmung der Atemmuskulatur
- Dyspnoe und Tachypnoe
- Schlafstörungen
- Morgendlicher Kopfschmerz
- Sekretansammlung in den Atemwegen
- Atemwegsinfekte
- Fatigue
- Nur selten Blasen- und Mastdarmstörungen
Faszikulationen sind nicht pathognomonisch für die ALS! Sie können auch bei anderen Erkrankungen, als unerwünschte Arzneimittelwirkung oder insb. als benigne Faszikulationen ohne Krankheitswert auftreten!
Verlaufs- und Sonderformen
Bei der Amyotrophen Lateralsklerose handelt es sich um eine heterogene Erkrankung, deren Spektrum neben der „klassischen ALS“ zahlreiche phänotypischen Varianten und Verlaufsformen umfasst. Erkrankungen wie die Primäre Lateralsklerose (klinisch ausschließlich Zeichen der Degeneration des 1. Motoneurons) und die Progressive spinale Muskelatrophie (klinisch ausschließlich Zeichen der Degeneration des 2. Motoneurons) wurden lange als separate Krankheitsentitäten angesehen. Der mögliche Übergang zu einer klassischen ALS mit klinischen Zeichen des 1. und 2. Motoneurons sowie pathologische und molekulargenetische Befunde legen nahe, dass es sich um unterschiedliche Ausprägungen eines pathologischen Prozesses handelt. Dieser kann auch zu nicht-motorischen Defiziten wie kognitiven Beeinträchtigungen führen. Die im Folgenden dargestellte Unterteilung ist insb. im Hinblick auf die variable Prognose dennoch von klinischer Relevanz.
Progressive Bulbärparalyse (PBP )
- Definition: Verlaufsform der ALS mit bulbärem Beginn (20% der ALS-Patienten) durch Degeneration der motorischen Kerne des N. trigeminus (V), N. facialis (VII), N. glossopharyngeus (IX), N. vagus (X) und N. hypoglossus (XII)
- Symptome/Klinik
- Zunehmend erschwerte Artikulation („bulbäre Sprache“) mit Dysarthrie/Dysphonie bis hin zur Anarthrie
- Lähmung der Gesichtsmuskulatur
- Lähmung der Zunge und der Schlundmuskulatur (Dysphagie)
- Komplikationen: Massive Störung des Schluckaktes und resultierende Pseudohypersalivation → Häufiges Verschlucken → Gefahr von Aspirationspneumonien, Malnutrition
- Prognose: Progressiver Verlauf, mittlere Überlebenszeit 2 Jahre
- Therapie: Siehe Behandlung der ALS
- Abgrenzung zur Pseudobulbärparalyse
- Schädigung der supranukleären Bahnen durch ischämischen Schlaganfall oder entzündlichen Hirnstammprozess führt zu ähnlichem Krankheitsbild
- Häufig gesteigerter Masseterreflex (Schädigung des 1. Motoneurons), aber keine Atrophien und Faszikulation (da fehlende Schädigung des 2. Motoneurons)
- Spastische Lähmungen als Ausdruck einer Pyramidenbahnschädigung möglich
- Schädigung der supranukleären Bahnen durch ischämischen Schlaganfall oder entzündlichen Hirnstammprozess führt zu ähnlichem Krankheitsbild
Amyotrophe Lateralsklerose mit frontotemporaler Demenz (ALS-FTD)
- Definition: Motorische Symptome der Amyotrophen Lateralsklerose und Verhaltens- oder Sprachauffälligkeiten, die die Diagnosekriterien einer Frontotemporalen Demenz (FTD) erfüllen (etwa 5% der ALS-Patienten). Milde, kognitive Einschränkungen sind bei der ALS deutlich häufiger.
- Mögliche Symptome
- Aggressivität, Enthemmung
- Apathie oder Passivität, sozialer Rückzug
- Affektverflachung, Empathieverlust
- Essstörungen
- Perseveriert, stereotypes oder zwanghaftes Verhalten
- Zusatzdiagnostik
- Neuropsychologische Testung (ECAS, CERAD-Testbatterie, Frontal Systems Behavior Scale)
- Ggf. Liquordiagnostik im Rahmen der Demenzdiagnostik
- Ggf. Bildgebung
- Prognose: Assoziiert mit einem schnelleren Verlauf der ALS
- Therapie
- Siehe Behandlung der ALS
- Nicht wirksam: Antidementiva
Primäre Lateralsklerose (PLS)
- Definition: Klinisch ausschließlich Zeichen der Degeneration des 1. Motoneurons
- Symptome/Klinik
- Langsam progrediente spastische Paresen, meist beinbetont
- Zeichen der Schädigung des 2. Motoneurons (Faszikulationen, umschriebene Myatrophien) fehlen
- Zusatzdiagnostik: EMG zum Ausschluss einer subklinischen Denervierung als Schädigungszeichen des 2. Motoneurons
- Therapie: Symptomatisch (Myotonolytika wie Baclofen, Physiotherapie)
- Prognose
- Langsamere Progression und längeres Überleben als bei der ALS
- Kommen im Verlauf Zeichen der Schädigung des 2. Motoneurons hinzu (häufig), kann die ALS-Diagnose gestellt werden (siehe Behandlung der ALS)
Progressive spinale Muskelatrophie (PMA )
- Definition: Klinisch ausschließlich Zeichen der Degeneration des 2. Motoneurons
- Symptome/Klinik
- Progressive schlaffe Lähmungen
- Muskelatrophien
- Faszikulationen
- Aufgehobene oder verminderte Muskeleigenreflexe
- Diagnostik: Klinischer und elektrophysiologischer Nachweis (EMG) der Degeneration des 2. Motoneurons in mind. zwei Regionen
- Häufig subklinisch Beteiligung des 1. Motoneurons
- Differenzialdiagnosen: Erbliche Erkrankungen des unteren Motoneurons, motorische Neuropathien, Myopathien sowie Erkrankungen der muskulären Endplatte
- Prognose
- Mediane Überlebenszeit etwa vier Jahre, daneben auch längere Verläufe
- Übergang in eine klassische ALS (20–30% der Fälle) möglich, dann Behandlung der ALS
Flail-Arm-Syndrom und Flail-Leg-Syndrom [4]
- Definition
- Epidemiologie
- Prognose
- Verlauf milder als typische Verlaufsform der ALS
- Meist >2 Jahre bis zur Ausbreitung auf weitere Regionen
- Medianes Überleben ca. 5–6 Jahre
Diagnostik
Diagnostische Prinzipien [5][6][7][8][9]
Weil die ALS insb. im Frühstadium mit verschiedenen unspezifischen Symptomen einhergeht, ist eine definitive Diagnosestellung häufig schwierig. Zur Vereinfachung wurden diagnostische Prinzipien formuliert.
Für die Diagnosestellung wurden bisher die El-Escorial-Kriterien (1994) genutzt. Da sie für die praktische Anwendung im klinischen Alltag aus verschiedenen Gründen schlecht geeignet sind , wurden sie bereits mehrfach überarbeitet oder ergänzt. Im Jahr 2020 wurden die Gold-Coast-Kriterien formuliert, die zwar von der aktuellen DGN-Leitlinie empfohlen werden, aber noch einer Überprüfung durch Studien und klinische Anwendung bedürfen (hier vereinfacht dargestellt):
- Fortschreitende motorische Beeinträchtigung bei zuvor normaler motorischer Funktion mit
- Nachweis einer Schädigung des 1. und 2. Motoneurons in einer Region oder
- Nachweis einer Schädigung des 2. Motoneurons in mind. zwei Regionen
- Und Ausschluss von Differenzialdiagnosen
Klinisch-neurologische Untersuchung
- Degeneration des 1. Motoneurons
- Spastische Paresen
- Gut auslösbare bis gesteigerte Eigenreflexe (Hyperreflexie), möglicherweise Pyramidenbahnzeichen
- Degeneration des 2. Motoneurons
- Vorderhornzelle (= spinale Muskelatrophie)
- Atrophische Paresen, anfangs vor allem distaler Muskeln (etwa kleine Handmuskeln, Wadenmuskulatur)
- Faszikulationen
- Progressive Bulbärparalyse (Degeneration der Hirnnervenkerne)
-
Zunge und Gaumen
- Atrophie der Zungenmuskulatur und muskuläre Insuffizienz: Dysarthrie, Dysphagie und Sialorrhö
- Fibrillationen
- Ggf. pathologisches Lachen und Weinen (auch „Pseudobulbärer Affekt“ genannt) mit inadäquater emotionaler Reaktion
-
Zunge und Gaumen
- Vorderhornzelle (= spinale Muskelatrophie)
Basisdiagnostik
- EMG: Bestätigung der klinischen Diagnose durch Nachweis der floriden Denervierung
- Neurogenes Schädigungsmuster: Pathologische Spontanaktivität (positive scharfe Wellen, Fibrillationen), später auch gelichtete Interferenzmuster bei Willkürinnervation
- ENG: Ausschluss von Leitungsblöcken in der motorischen Neurografie
- Meist Normalbefunde
- MRT
- Spinales MRT: Ausschlussdiagnostik (z.B. kompressive Myelopathie infolge einer zervikalen Spinalkanalstenose, polysegmentale Radikulopathie)
- Kraniales MRT: Ausschlussdiagnostik
- Veränderungen im Verlauf der Pyramidenbahn sind unspezifisch und dienen nicht als diagnostisches Kriterium für die ALS
- Labordiagnostik (Blut)
- Kein ALS-spezifischer Labormarker, evtl. CK↑
- Basisdiagnostik (Leitlinienempfehlung): BSG, CRP, Blutbild, ALAT/ASAT, fT3, fT4, TSH, Vitamin B12, Serum-Elektrophorese, Immunelektrophorese, CK, Kreatinin, Elektrolyte, Glucose
- Erweitere Labordiagnostik (je nach Differenzialdiagnosen)
- Autoimmunerkrankungen: ACE, Hexosaminidase A und B, ANA, Anti-DNA-Antikörper, Anti-MAG-Antikörper, Anti-AChR-Antikörper, Anti-MuSK-Antikörper
- Infektionskrankheiten: Borrelien-Serologie, HIV-Test, Lues-Serologie
- Liquordiagnostik
- Indikation: Zur Differenzialdiagnostik insb. entzündlicher Erkrankungen
- Leichte Erhöhung des Gesamtproteins möglich
- Lungenfunktionsprüfung und Blutgasanalyse: Reduzierte Vitalkapazität und im Verlauf respiratorische Insuffizienz
- Gewichtsmessung: Verlaufskontrolle des mit der Erkrankung einhergehenden Katabolismus
- Neuropsychologische Testung: Edinburgh Cognitive and Behavioural ALS Screen (ECAS)
- Screening-Test für Störungen der Kognition und des Verhaltens bei ALS-Patienten
- Dauer durchschnittlich 25 min
- Bei Defiziten ist eine erweitere Testung durch einen klinischen Neuropsychologen empfehlenswert
Erweiterte Diagnostik
- Muskelbiopsie: Selten indiziert, insbesondere bei atypischen Befunden zum Ausschluss einer Einschlusskörperchenmyositis oder Polymyositis
- Gendiagnostik: Bei Verdacht auf das Vorliegen einer familiären ALS
- Indikation
- Bei jungen Patienten (<35 Jahre) mit schnellem Krankheitsverlauf
- Zum differenzialdiagnostischen Ausschluss einer spinobulbären Muskelatrophie (Androgenrezeptoren)
- Durchführung: Genetische Testung erfolgt in der Reihenfolge nach absteigender Häufigkeit der einzelnen Mutationen
- Gesetzliche Aspekte: Beratung nach Gendiagnostikgesetz sowie schriftliche Einwilligung obligat
- Prädiktive Diagnostik klinisch nicht betroffener Familienmitglieder (Geschwister und Kinder des Indexpatienten) nur nach Vorstellung beim Facharzt für Humangenetik
- Indikation
- Bestimmung der Neurofilamente in Serum und Liquor: Insb. als differenzialdiagnostischer und prognostischer Marker [1][10]
Präventive oder therapeutische Konsequenzen ergeben sich aus der genetischen Testung derzeit nicht!
Pathologie
- Makroskopisch: Atrophie des gesamten motorischen Systems, z.B. Verschmälerung der grauen Substanz durch Atrophie der Vorderwurzeln
Differenzialdiagnosen
- Multifokale motorische Neuropathie (MMN)
- Symptome/Klinik
- Langsam progrediente, asymmetrische Paresen insb. der distalen Extremitätenmuskeln
- Seltener Muskelkrämpfe, Faszikulationen, ausgeprägte Myatrophien
- Diagnostik
- Leitungsblöcke im ENG
- Erhöhte Antikörpertiter gegen Monosialgangliosid GM1 (Anti-GM1-AK)
- Therapie: Gabe von Immunglobulinen (IVIG)
- Symptome/Klinik
- Weitere Differenzialdiagnosen
- Neuralgische Schulteramyotrophie
- Einschlusskörperchen-Myositis
- Zervikale Spinalkanalstenose mit Radikulopathie
- Spinobulbäre Muskelatrophie
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
Bei der amyotrophen Lateralsklerose ist keine kausale Therapie möglich! Im Vordergrund steht eine vielgestaltige supportive Therapie, die zahlreiche Symptome lindern kann!
Grundsätze der Versorgung von ALS-Patienten
- Aufklärung über die Erkrankung und ihren Verlauf
- Behandlungsoptionen im Verlauf müssen frühzeitig besprochen, dokumentiert und regelmäßig aktualisiert werden
- Anlage einer perkutanen endoskopischen Gastrostomie (PEG)
- Durchführung von nicht-invasiver und invasiver Beatmung
- Patientenwunsch hinsichtlich Reanimation und notfallmäßiger Intubation (Patientenverfügung)
- Versorgung durch ein interdisziplinäres Team mit physiotherapeutischer, ergotherapeutischer, logopädischer, psychosozialer und psychologischer sowie palliativmedizinischer Betreuung
- Dokumentation des funktionellen Status bei jeder Vorstellung
- Amyotrophic Lateral Sclerosis Functional Rating Scale (ALSFRS)
- Revidierte Amyotrophic Lateral Sclerosis Functional Rating Scale (ALSFRS-R), bei der die Atemfunktion stärker repräsentiert ist
Verlaufsmodifizierende Therapie
- Riluzol
- Wirkung: Geringe Verlangsamung der Krankheitsprogression mit Verlängerung der durchschnittlichen Überlebenszeit um ca. 3–4 Monate
- Wirkungsmechanismus: U.a. antiglutamaterge Wirkung, Wirkmechanismus hinsichtlich einer verzögerten Progression bei der ALS unklar
- Häufigste unerwünschte Wirkungen: Übelkeit, Schwäche, Müdigkeit, hepatische Toxizität, selten Neutropenie
- Kontraindikationen: Schwere Lebererkrankungen, Transaminasen-Erhöhung über das dreifache des oberen Grenzwertes, Schwangerschaft, Stillzeit
- Therapiemonitoring: Transaminasen im ersten Vierteljahr monatlich, im weiteren Verlauf vierteljährlich
- Edaravone (im deutschsprachigen Raum nur in der Schweiz zugelassen (Radicava®))
- Wirkung: Geringfügige Verlangsamung der Krankheitsprogression
- Wirkungsmechanismus: Antioxidantium
- Häufigste unerwünschte Wirkungen: Gangstörung, Hämatome
Symptomatische Therapie
Allgemein
- Physiotherapie und Ergotherapie
- Förderung verbliebener Fähigkeiten, kein Krafttraining
- Vermeidung sekundärer Probleme durch Immobilisation
- 3–5×/Woche
- Hilfsmittelversorgung nach Bedarf
- Mobilität
- Peronäusschiene
- Halskrause
- Gehstock, Rollator oder (Elektro‑)Rollstuhl
- Kommunikation
- Kommunikationstafeln
- Computergestützte Kommunikationshilfen
- Pflegehilfen
- Badewannenlift
- Duschstuhl
- Toilettensitzerhöhung
- Toilettenstuhl
- Pflegebett
- Atemhilfen (s.u.)
- Mobilität
Therapie der chronischen respiratorischen Insuffizienz
- Regelmäßige Dokumentation von Vitalkapazität, Atemproblemen (mittels ALSFRS) und im Verlauf BGA
- Atemgymnastik, Klopfmassagen
- Schleimlösende Maßnahmen
- Flüssigkeitszufuhr
- Ggf. N-Acetylcystein
- Hustenhilfen (mechanischer Insufflator/Exsufflator) zur Mobilisation von Sekreten
- In schweren Fällen Therapieeskalation mit Theophyllin und bei Bedarf Tracheostoma-Anlage zum endotrachealen Absaugen
-
Nicht-invasive Heimbeatmung
- Stationärer Beginn zur Einweisung und Anpassung von Maske und Beatmungsparametern
- Therapiekontrolle: Symptomminderung
- Verbesserung der Lebensqualität und sekundär der Überlebensdauer
- Bei insuffizienter nicht-invasiver Beatmung kann eine Tracheostomie mit Heimbeatmung in Betracht gezogen werden (strenge Indikationsstellung)
- Pneumonieprophylaxe durch Sekretmanagement und Behandlung der Pseudohypersalivation (s.u.)
- Bei Pneumonie: antibiotische Therapie
Frühzeitig sollte besprochen und dokumentiert werden, ob eine notfallmäßige Intubation gewünscht ist!
Therapie weiterer Symptome
- Pseudohypersalivation
- Anticholinerge Therapie, z.B. mit Amitriptylin , Scopolamin-Pflaster oder Atropin-Tropfen
- Bei Nicht-Ansprechen: Botulinumtoxin-Injektion in die Speicheldrüsen
- Bei Versagen der medikamentösen Therapie oder bei Kontraindikationen (selten): Bestrahlung der Speicheldrüsen
- Schluckstörung und Katabolismus
- Regelmäßige Gewichtsdokumentation
-
Anlage einer perkutanen endoskopischen Gastrostomie (PEG)
- Indikation: Dysphagie mit Aspirationsgefahr, unzureichende orale Kalorienzufuhr, Dehydratation
- Frühzeitige Planung, um Durchführung bei einer Vitalkapazität >50% zu gewährleisten (Vermeidung pulmonaler Komplikationen)
- Faszikulationen und Muskelkrämpfe
- Leichte Symptomatik: Magnesium
- Ausgeprägtere Symptomatik: Chininsulfat (Off-Label Use)
- Spastik
- Therapieversuch mit Baclofen
- Physiotherapie
- In Einzelfällen lokale Botulinumtoxin-Injektion (Off-label)
- Laryngospasmen
- Aufklärung über selbstlimitierenden Charakter
- Beruhigung in Akutsituation, gleichmäßige Atmung anstreben
- Bei gastroösophagealem Reflux: Protonenpumpenhemmer
- Depression
- Psychotherapeutische Mitbetreuung
-
Antidepressiva
- Amitriptylin
- Serotoninwiederaufnahmehemmer
- Angst: Sedativa unter Berücksichtigung möglicher atemdepressiver Effekte
- Schmerzen: Behandlung nach WHO-Stufenschema
- Thromboseprophylaxe: Bei Immobilität bzw. deutlicher Reduktion der Mobilität
Therapie der terminalen respiratorischen Insuffizienz
- Allgemein
- Frühzeitige Aufklärung über i.d.R. eintretende schmerzlose CO2-Narkose infolge einer Hyperkapnie
- Ausschluss und Behandlung reversibler akuter Ursachen (etwa Pneumonie, Pleuraerguss) unter Berücksichtigung des Patientenwunsches
- Vorgehen bei Dyspnoe
- Nicht-medikamentöse Ansätze
- Beruhigung, Lagewechsel, Atemgymnastik, offene Fenster oder Ventilator
- Sauerstoffgabe nur bei manifester Hypoxie
- Medikamentöse Ansätze
- Episodische Dyspnoe: Morphin bei Bedarf
- Anhaltende Dyspnoe: Morphin nach festem Schema
- Anxiolytische Therapie mit Benzodiazepinen
- Nicht-medikamentöse Ansätze
Prognose
- Mittlere Überlebenszeit: 2–5 Jahre
- Rund 10% der Patienten überleben länger als 10 Jahre
- Mit einer schlechteren Prognose gehen einher:
- Bulbärer Symptombeginn
- Niedriger BMI
- Mit einer besseren Prognose gehen einher:
- Junges Alter
- Beginn als primäre Lateralsklerose
- Meist führt die zunehmende Ateminsuffizienz zum Tode
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Amyotrophe Lateralsklerose
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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- G12.-: Spinale Muskelatrophie und verwandte Syndrome
- G12.2: Motoneuron-Krankheit
- Familiäre Motoneuron-Krankheit
- Lateralsklerose:
- myatrophisch [amyotrophisch]
- primär
- Progressive:
- G12.2: Motoneuron-Krankheit
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.