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Anaphylaxie und anaphylaktoide Reaktionen

Letzte Aktualisierung: 5.5.2021

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Die Anaphylaxie bezeichnet eine akute, lebensbedrohliche Überempfindlichkeitsreaktion vom Typ 1, die durch eine plötzliche IgE-vermittelte Freisetzung von Histamin aus Mastzellen und Basophilen als Reaktion auf einen eigentlich harmlosen Auslöser (z.B. Lebensmittel, Insektenstiche, Medikamente) bedingt ist. Anaphylaktoide Reaktionen sind IgE-unabhängig und resultieren aus der direkten Aktivierung von Mastzellen. Zu den typischen Symptomen beider Reaktionen zählen Urtikaria, Angioödem, Stridor, Dyspnoe, Bronchospasmus, Kreislaufversagen, Erbrechen und Durchfall. Die Diagnose wird klinisch gestellt und basiert auf der Kombination aus typischen Symptomen sowie dem Vorhandensein eines bekannten oder vermuteten Auslösers. Der schnellstmögliche Beginn lebensrettender Maßnahmen (Adrenalin i.m., Expositionsstopp) bei Anaphylaxie oder anaphylaktoider Reaktion ist essentiell zur Vermeidung gravierender Komplikationen wie bspw. Atemversagen, Schock oder sogar Tod.

  • Inzidenz: 7–50/100.000 Einwohner jährlich
    • Ca. 1% aller Vorstellungen in der Notaufnahme
  • Todesfälle: 1–3/1 Mio. Einwohner jährlich
  • Geschlechterverteilung

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

  • Häufigste anaphylaxieauslösende Allergene
    • Im Kindesalter: Nahrungsmittel ca. 60%, Insektengift ca. 25%, Medikamente ca. 10%
    • Bei Erwachsenen: Am häufigsten Insektengift oder Medikamente, dann Nahrungsmittel

Prodromalsymptome

Charakteristische Symptome bei Anaphylaxie

Kein Symptom ist obligat, eine Anaphylaxie kann sich auch in Form einer uncharakteristischen Symptomatik zeigen!

Schweregradeinteilung

Die Einteilung erfolgt nach dem jeweils lebensbedrohlichsten Leitsymptom

  • Grad I: Leichte Allgemeinreaktion
    • Generalisierte Hautsymptome
    • Keine weiteren Symptome
  • Grad II: Ausgeprägte Allgemeinreaktion
    • Generalisierte Hautsymptome
    • Abdominelle Symptome: Übelkeit, Bauchschmerzen, Meteorismus
    • Atemwegssymptome: Rhinorrhö, Dysphonie, subjektive Dyspnoe
    • Kardiovaskuläre Symptome: Tachykardie, Hypotonie, Arrhythmie
  • Grad III: Bedrohliche Allgemeinreaktion
  • Grad IV: Organversagen
    • Generalisierte Hautsymptome
    • Atemwegssymptome: Atemstillstand
    • Kardiovaskuläre Symptome: Herz-Kreislauf-Stillstand

Risikofaktoren für Anaphylaxie-Schweregrad III und IV

  • Beginn
    • I.d.R. akut beginnend
    • Primär verzögert
  • Verlauf
    • Rasches Fortschreiten
    • Symptome können gleichzeitig oder nacheinander auftreten und haben keine spezifische Reihenfolge
  • Therapierefraktärität möglich
    • Protrahierte Reaktion: Persistierende Symptomatik trotz adäquater Therapie
    • Biphasische anaphylaktische Reaktion: Erneute Symptomatik 6–24 h nach initial erfolgreicher Therapie
  • Spontane Remission auf jeder Stufe möglich
  • Diagnosekriterien: Mind. ein Kriterium muss erfüllt sein
    • Plötzlich auftretende Symptome an ≥2 Organsystemen nach Exposition mit wahrscheinlichem Allergen
    • Plötzlich auftretende Hautsymptome nach Exposition mit wahrscheinlichem Allergen plus
      • Respiratorische Symptome oder
      • Hypotonie bzw. deren Folgesymptome
    • Hypotonie nach Exposition mit bekanntem Allergen
  • Anamnese
    • Beschreibung des Akutgeschehens, weitere Symptome (bspw. Übelkeit, Brechreiz, Kopfschmerzen, thorakales Druckgefühl, Sehstörung, Pruritus)
    • Erfragen bekannter Allergien oder stattgehabter Reaktionen
  • Basisuntersuchung: Prüfung von Lebenszeichen, Puls und Blutdruck, Atmung, Haut und Schleimhaut
  • Nach Akutversorgung: Bestimmen von Mediatoren im Blut, insb.Serumtryptase

Wenn die Diagnosekriterien einer Anaphylaxie erfüllt sind, sollte eine entsprechende Therapie unverzüglich eingeleitet werden. Die folgenden Differentialdiagnosen sollten nur bei Diagnoseunsicherheit oder schlechtem Ansprechen auf die initiale Therapie geprüft werden.

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differentialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapie: Sofortmaßnahmen

  • SOFORT: Allergenzufuhr stoppen!
  • Beruhigung von Patient (und Eltern)
  • Lagerung symptomorientiert: Flachlagerung ist präferiert.
  • Beurteilung des Schweregrades: Erkennen und Behandeln des bedrohlichsten Symptoms
  • Gesicherten Zugang schaffen
Behandlungsschema bei Anaphylaxie

Sechs Szenarien in Abhängigkeit des Schweregrades

Grad Leitsymptome Therapie
I
II–III
IV
  • Herz-Kreislauf-Versagen

Weiterführende Therapie bei Anaphylaxie

Überwachung

  • Bis zur anhaltenden Remission
  • Möglichkeit eines biphasischen Verlaufs berücksichtigen
  • Bei allen schweren Reaktionen (≥Grad II): Stationäre Überwachung
  • Bei Anaphylaxien mit bedrohlicher Allgemeinreaktion: Intensivmedizinische Überwachung

Bei Entlassung

Notfallausrüstung zur Behandlung anaphylaktischer Reaktionen in der Praxis

In jeder ärztlichen Praxis sollte eine Ausrüstung zur Akuttherapie der Anaphylaxie vorhanden sein! Dies ist umso wichtiger, wenn vor Ort anaphylaxiefördernde Medikamente (insb. Präparate zur Immuntherapie und Chemotherapeutika) verabreicht werden!

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  2. Reinhold et al.: Notfälle in Dermatologie und Allergologie. 2. Auflage Thieme 2012, ISBN: 978-3-131-16932-7 .
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  4. Trautmann, Kleine-Tebbe: Allergologie in Klinik und Praxis. Georg Thieme Verlag 2018, ISBN: 978-3-131-42183-8 .
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  8. Rukma: Glucagon for Refractory Anaphylaxis In: American Journal of Therapeutics. Band: 26, Nummer: 6, 2019, doi: 10.1097/mjt.0000000000000910 . | Open in Read by QxMD p. e755-e756.
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