Zusammenfassung
Eine Analgosedierung beinhaltet die kombinierte Verabreichung von Analgetika zur Schmerzreduktion sowie Allgemeinanästhetika zur Bewusstseinsdämpfung und führt damit zur Tolerierung schmerzhafter oder unangenehmer Prozeduren. Sie vermindert Stress und Unruhe der Patient:innen sowie die negativen vegetativen Auswirkungen einer invasiven Behandlung oder Diagnostik. Es besteht ein fließender Übergang zur Allgemeinanästhesie, jedoch unterscheidet sich die Analgosedierung von dieser durch den Erhalt der Schutzreflexe und der Spontanatmung. Die bedarfsgerechte Verabreichung von Analgetika und Allgemeinanästhetika erfordert nicht nur eine entsprechende Umgebung und Monitoring, sondern auch ein klar definiertes Ziel.
Definition
- Analgosedierung: Kombinierte Verabreichung von Analgetika und Allgemeinanästhetika zur Durchführung diagnostischer oder therapeutischer Maßnahmen, wobei Schutzreflexe und Spontanatmung erhalten bleiben sollen und der Bewusstseinsgrad je nach Sedierungstiefe von wach bis schlafend reicht [1]
- Sedierung (ugs. oft synonym zu Analgosedierung verwendet): Verabreichung von Allgemeinanästhetika zur Durchführung invasiver Prozeduren
- Analgesie: Verabreichung von Analgetika zur Erhöhung der Schmerztoleranz
- Ziele der Analgosedierung [1][2]
Der Begriff „Analgosedierung“ betont bewusst den Anteil der Analgesie, die stets im Vordergrund stehen sollte. Analgesie geht vor Sedierung! [3]
Formen der Analgosedierung
Die Formen der Analgosedierung können nach verschiedenen Gesichtspunkten eingeteilt werden. Sie richten sich entweder nach dem Grad der Bewusstseinstrübung oder nach der Länge der Prozedur.
Einteilung nach Sedierungstiefe [4][5]
Einteilung der Analgosedierung nach Sedierungstiefe | |||||
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Stufe | Bezeichnung | Beschreibung | Spontanatmung und Schutzreflexe | Kreislauf | Anwendungsbeispiele |
I |
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II |
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III |
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IV |
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Bei einer minimalen bis moderaten Sedierung sind die Vitalfunktionen i.d.R. stabil und das Bewusstsein erhalten. Ab einer tiefen Sedierung muss damit gerechnet werden, dass eine Intervention zur Sicherung der Atemwege notwendig wird!
Einteilung nach Dauer des Verfahrens [6][7][8][9]
Einteilung der Analgosedierung nach Dauer des Verfahrens | |||
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Kurzzeitsedierung | Mittellange Sedierung | Langzeitsedierung | |
Dauer |
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Anwendungsbeispiele |
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Analgesie |
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Monitoring |
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Indikation
Diagnostische und interventionelle Maßnahmen [10][11][12]
- Allgemeine Indikationen
- Toleranz schmerzhafter Prozeduren
- Sicherheit der Prozedur selbst (Vermeidung unwillkürlicher Bewegungen)
- Stressreduktion/Anxiolyse
- Spezielle Indikationen, bspw.
- Minimale Sedierung für kurze Interventionen
- CT-Untersuchung oder CT-gesteuerte Intervention
- Komplexe Anlage von Zugängen
- Wundbehandlung
- Kleinere kardiologische Interventionen
- Minimale Sedierung für längere Interventionen
- MRT-Untersuchung
- Längere radiologische Interventionen
- Gallengangsstenteinlage
- Aufwändigere kardiologische Interventionen
- Moderate Sedierung
- Bronchoskopie oder bronchoalveoläre Lavage (BAL)
- Gastroenterologische Interventionen, bspw. Kolo- oder Gastroskopie
- Transösophageale Echokardiografie
- Anlage einer Thoraxdrainage
- Kurze, jedoch tiefe Sedierung
- Schmerzhafte kardiologische Interventionen, bspw. Austestung bei ICD-Implantation oder elektrische Kardioversion
- Repositionen, bspw. Schulterreposition oder geschlossene Reposition des Hüftgelenks
- Minimale Sedierung für kurze Interventionen
Eine Analgosedierung erhöht oft die diagnostische Aussagekraft und den Erfolg unangenehmer oder schmerzhafter Interventionen! [11]
Jede Sedierung erhöht unabhängig die Mortalität. Bei der Indikationsstellung sollte daher eine Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen und der Patientenwunsch berücksichtigt werden! [13]
Intensivmedizinische Indikationen für eine moderate bis tiefe Sedierung [8]
- Primäre Indikationen: Senkung des zerebralen O2-Verbrauchs und Metabolismus
- Schädel-Hirn-Trauma mit erhöhtem intrakraniellen Druck
- Status epilepticus
- Sekundäre Indikationen: Senkung des generellen O2-Verbrauchs oder Selbstverletzungsgefahr, bzw. Gefährdung durch Katheter/Maßnahmen
- Maschinelle Beatmung bei kritischer Krankheit, bspw. ARDS, Polytrauma oder Schock
- Bei schlechter Toleranz des Endotrachealtubus [8]
- Anfänglich bei Trachealkanüle
- Fakultativ bei nicht-invasiver Beatmung
- Postoperative Nachbeatmung, bspw.
- Respiratorische Insuffizienz
- Instabile Kreislaufverhältnisse
- Perioperative Hypothermie
- Siehe auch: Allgemeine Extubationskriterien
- Interventionen im Rahmen einer Intensivtherapie, bspw. Lagerungsmanöver oder Diagnostik
- Maschinelle Beatmung bei kritischer Krankheit, bspw. ARDS, Polytrauma oder Schock
Weitere Indikationen
- Schmerzhafte Lagerungen
- Transporte bei kritischer Krankheit
- Unkooperative Personen mit akuter Selbst- oder Fremdgefährdung („Rapid Tranquilisation“)
Kontraindikation
- Absolute Kontraindikationen
- Fehlende Indikation
- Ablehnung des Verfahrens durch Patient:in
- Keine ausreichenden Voraussetzungen bei elektiven Maßnahmen
- Unzureichende personelle und räumliche Voraussetzungen zur Analgosedierung bei elektiven Maßnahmen
- Relative Kontraindikationen
- Allergien oder andere Kontraindikationen gegen bestimmte Medikamente
- Schlafapnoe-Syndrom (siehe auch: Anästhesiologisches Management: Patient mit OSAS) [4]
Eine elektive minimale oder moderate Sedierung kann prinzipiell bei allen Personen durchgeführt werden! [1]
Es werden die wichtigsten Kontraindikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Vorbereitung
Die Vorbereitung einer Analgosedierung richtet sich nach den Gegebenheiten der durchzuführenden Prozedur. Details werden in folgenden Handlungsabläufen beschrieben:
- Analgosedierung in der Intensivmedizin - AMBOSS SOP
- Analgosedierung für elektive Diagnostik und Interventionen - AMBOSS-SOP
- Analgosedierung für nicht-elektive Diagnostik und Interventionen - AMBOSS-SOP
Material [4]
- Nasensonde zur O2-Versorgung (Sauerstoffbrille) oder Sauerstoffmaske
- Beatmungsbeutel mit Maske
- Verbrauchsmaterial
- Infusionslösungen
- Medikamente
- Injektionsanästhetikum, bspw. Propofol
- Opioid-Analgetikum, bspw. Sufentanil oder Remifentanil
- Siehe auch: Analgosedierung - Wirkstoffe
- Material für Atemwegskomplikationen
Patient:in [1][4]
- Aufklärung zur Analgosedierung
- Indikation der Analgosedierung
- Ablauf/Durchführung einer Analgosedierung
- Mögliche Komplikationen einer Analgosedierung
- Sicherheitsaufklärung bei ambulanter Analgosedierung: Korrektes Verhalten in den 24 h nach Entlassung bei ambulanten Eingriffen
- Keinen Alkohol trinken
- Keine zentralwirksamen Substanzen zu sich nehmen
- Keine riskanten Tätigkeiten ausführen
- Keine größeren Entscheidungen treffen
- Keine Fahrzeuge führen, siehe: Fahrtauglichkeit nach Analgosedierung
- Einwilligung durch Patient:in (bzw. Betreuer:in bei fehlender Einwilligungsfähigkeit)
- Lagerung: Möglichst Oberkörperhochlagerung
- Basismonitoring
- Gefäßzugang
- Peripherer Venenkatheter
- Alternativ: Liegender Portkatheter bzw. zentralvenöser Katheter
- Sicherheitscheck
- Allergien
- Nüchternheit
- OSAS [4]
- Risikofaktoren für Zwischenfälle bei einer Analgosedierung
Risikofaktoren für Zwischenfälle bei einer Analgosedierung [1][12]
- ASA-Klassifikation ≥3
- Alter >80 Jahre
- Adipositas
- OSAS
- Schwere pulmonale Vorerkrankung bzw. spO2 <94% bei Raumluft
- Schwere kardiovaskuläre Vorerkrankung
- Relevante renale oder hepatische Funktionsstörung
- Vorliegen von Prädiktoren für einen schwierigen Atemweg [4]
- Erhöhtes Aspirationsrisiko
- Substanzabusus
- Sprachbarriere oder anderer Grund für unmögliche mündliche Kommunikation
- Komplikationen bei vorausgegangenen Sedierungen oder Allgemeinanästhesien
Räumliche und personelle Voraussetzungen zur Analgosedierung [10]
Räumliche Anforderungen
- O2-Versorgung (Wandanschluss oder O2-Flasche)
- Möglichkeit zur Überwachung der Vitalparameter
- Absaugung
- Defibrillator
- BGA-Gerät in Reichweite
- Je nach Situation
- Möglichkeit zur Überwachung nach Analgosedierung
- Intensivmedizinischer Bettenplatz
Personelle Voraussetzungen [10][12]
- Bei einer Analgosedierung für diagnostische und interventionelle Maßnahmen: Mind. 2 Personen für jede Art von Maßnahme als personelle Grundvoraussetzung
- Eine ärztliche Person zur Durchführung der Intervention
- Eine zusätzliche Person für die Durchführung, Überwachung und Dokumentation der Sedierung
- Obligate anästhesiologische Begleitung (bzw. Ärzt:innen mit Zusatzqualifikation Intensivmedizin oder Notfallmedizin) [1][4]
- Bei tiefen Analgosedierungen
- Bei ≥1 Risikofaktoren für Zwischenfälle bei einer Analgosedierung
- Einleitung der Sedierung grundsätzlich durch ärztliche Person
- Weiterführung der Sedierung kann delegiert werden
- NAPS (Nurse-administered Propofol Sedation): Pflegerische Person führt Sedierung weiter
- GAPS (Gastroenterologist-administered Propofol Sedation): Zweite ärztliche Person (nicht-anästhesiologisch) führt Sedierung weiter
- MAC (Monitored-Anesthesia Care): Sedierung wird durch Anästhesie-Team durchgeführt
Personelle Voraussetzungen zur Analgosedierung bei elektiven gastrointestinalen Endoskopien [10] | |||
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Risiko | Prozedural bedingte Risikofaktoren | Patientenseitige Risikofaktoren | Empfohlenes Personal |
Gering |
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Vorhanden |
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*MAC wird empfohlen, wenn Risikofaktoren für Zwischenfälle bei einer Analgosedierung vorliegen [1] |
Liegen Risikofaktoren für Zwischenfälle bei einer Analgosedierung vor, muss ärztliches Personal der Anästhesiologie oder ähnlich qualifiziertes Personal hinzugezogen werden! [1]
Ablauf/Durchführung
Allgemeines
Der genaue Ablauf der Analgosedierung richtet sich v.a. nach der Indikation sowie vorbestehenden Grunderkrankungen. Wesentliche Punkte sind:
- Lagerung und Überwachung
- Sauerstoffgabe über Maske oder Nasensonde [4]
- Gabe der Analgetika und Injektionsanästhetika
- Dokumentation
- Anschließende Überwachung nach Analgosedierung bzw. Nachsorge
Konkrete Handlungsabläufe
Details werden in folgenden Handlungsabläufen beschrieben:
Wirkstoffe
Übersicht gängiger Wirkstoffe zur Analgosedierung | |||
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Wirkstoff | Anwendung | Vorteile | Nachteile |
Propofol |
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Sevofluran |
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Isofluran | |||
Midazolam |
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Dexmedetomidin |
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Clonidin |
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Esketamin |
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Etomidat |
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Opioide | |||
Sufentanil |
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Remifentanil |
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Fentanyl |
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Zur Analgosedierung sollten bevorzugt kurzwirksame und gut steuerbare Wirkstoffe zum Einsatz kommen!
Monitoring
Übersicht zum Monitoring der Analgosedierung [2] | ||||
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Analgosedierung bei Interventionen und Diagnostik [1][4] | Kurzzeitsedierung in der Intensivmedizin | Mittellange Sedierung in der Intensivmedizin | Langzeitsedierung in der Intensivmedizin | |
Pulsoxymetrie | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
Nicht-invasive Blutdruckmessung | ✓ | ✓ | (✓) | (✓) |
Invasive Blutdruckmessung | — | — | ✓ | ✓ |
EKG | (✓) | ✓ | ✓ | ✓ |
Erweitertes Monitoring mittels Kapnografie | (✓) | ✓ | (✓) | (✓) |
Analgesie | (✓) | (✓) | ✓ | ✓ |
Sedierungstiefe | (✓) | ✓ | ✓ | ✓ |
Delir | – | – | ✓ | ✓ |
✓ = Empfohlen, (✓) = Ggf. empfohlen, — = Nicht empfohlen |
Die Überwachung mittels Pulsoxymetrie ist obligat bei jeder Form der Analgosedierung!
Bei erhöhtem Risiko einer koronaren Ischämie ist eine fortlaufende Überwachung einer Brustwandableitung obligat!
Monitoring der Analgesie
Das Monitoring der Analgesie dient zur adäquaten Behandlung von Schmerzen, die durch die Grunderkrankung und den damit verbundenen diagnostischen, therapeutischen und pflegerischen Maßnahmen hervorgerufen werden. Dynamische Schmerzen sollten regelmäßig (mind. alle 8 h) quantifiziert und die Analgesie bedarfsgerecht angepasst werden. [2][8]
Analgesie-Monitoring bei kooperativen Personen [8]
- Erfassung der Schmerzintensität durch Selbsteinschätzungsskalen, bspw.
- Numerische Ratingskala (NRS)
- Verbale Ratingskala (VRS)
- Visuelle Analogskala (VAS)
- Ziel: Individuell festlegen, bspw. NRS ≥4 als Grenze für Intervention
Bei kooperativen Personen ist die numerische Ratingskala gegenüber anderen Schmerzskalen zu bevorzugen! [8]
Analgesie-Monitoring bei nicht-kooperativen Personen [8]
- Erfassung der Schmerzintensität durch Fremdeinschätzungsskalen, bspw.
- Behavioral Pain Scale (BPS)
- Behavioral Pain Scale - Non-Intubated (BPS-NI)
- Ziel: BPS <6, in keinem Einzelbereich >2 Punkte
Behavioral Pain Scale (BPS)
Behavioral Pain Scale (BPS) [26] | ||
---|---|---|
Item | Beschreibung | Punkte |
Mimik |
| 1 |
Obere Extremität |
| 1 2 3 4 |
Adaptation an Beatmungsgerät |
| 1 2 3 4 |
Behavioral Pain Scale - Non-Intubated (BPS-NI)
Behavioral Pain Scale – Non-intubated (BPS-NI) [26] | ||
---|---|---|
Item | Beschreibung | Punkte |
Mimik |
| 1 |
Obere Extremität |
| 1 2 3 4 |
Verbaler Ausdruck | 1 2 3 4 |
Monitoring der Sedierung
Grundsätze zum Monitoring der Sedierungstiefe [2]
- Ziel: Spontan atmende, kooperative und angstfreie Patient:innen
- Verfahren
- Bei minimalen oder moderaten Sedierungen: Subjektive Scores (RASS und Ramsay)
- Bei erwünschter tiefer Sedierung: Objektive EEG-Messungen
- Dokumentation: Obligat, insb. zur zielgerichteten Steuerung im intensivmedizinischen Bereich
- Intervall: Mind. 8-stdl. bei allen längerdauernden Analgosedierungen im intensivmedizinischen Bereich
Zu tiefe Sedierungen sollten vermieden werden! [8]
Richmond Agitation and Sedation Scale (RASS) [27][28]
- Goldstandard für Monitoring der Sedierungstiefe in der Intensivmedizin [8]
- Ziel: Meist RASS 0 bis -2
Richmond Agitation and Sedation Scale (RASS) | ||
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Beschreibung | ||
+4 |
|
|
+3 |
|
|
+2 |
|
|
+1 |
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0 |
| |
-1 |
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-2 |
|
|
-3 |
|
|
-4 |
|
|
-5 |
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Ramsay Sedation Scale (Ramsay-Score) [29]
- Mögliche Alternative zur RASS
- Keine Diskriminierung von Agitations- und Unruhezustände mit Gefährdungspotenzial
- Validität und Reliabilität wissenschaftlich nicht untersucht
Originaler Ramsay-Score [29]
Ramsay Sedation Scale (original) | ||
---|---|---|
Grad | Beschreibung | Beurteilung des Sedierungsgrads |
1 |
|
|
2 |
| |
3 |
|
|
4 |
| |
5 |
|
|
6 |
| |
Typisches Sedierungsziel: Grad 3–4 |
Modifizierter Ramsay-Score [30][31]
Ramsay Sedation Scale (modifiziert) | ||
---|---|---|
Grad | Beschreibung | Beurteilung des Sedierungsgrads |
R0 |
|
|
R1 |
|
|
R2 |
|
|
R3 |
| |
R4 |
| |
R5 |
|
|
R6 |
| |
Typisches Sedierungsziel: R2–R3 |
EEG-basierte Messungen der Sedierungstiefe [32]
- Beschreibung
- Messwerte für Aktivitätsgrad der Hirnrinde und auch tieferer Zentren
- Dient zur Einschätzung/Steuerung der Sedierungstiefe auf Basis eines EEG
- Am weitesten verbreitete Messverfahren: Bispektralindex™ und Narcotrend®
- Vorteile
- Objektivierte, kontinuierliche Messung
- Insb. bei gezielt tiefer Sedierung anwendbar [33]
- Nachteile: Klinischer Nutzen umstritten [34]
Bispektralindex™ (Fa. Covidien)
- Am häufigsten eingesetztes EEG-Messverfahren
- EEG wird über spezielle EEG-Elektroden auf der Stirn abgeleitet
- Ziel: BIS-Bereich 40–60
Bispektralindex™ (BIS) [35][36][37] | ||
---|---|---|
BIS-Bereich | Bewusstseinszustand | Reaktion |
80–100 |
|
|
60–80 |
|
|
40–60 |
| |
20–40 |
|
|
0–20 |
|
Narcotrend® (Fa. MT MonitorTechnik)
Narcotrend® [38] | ||
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Stadium | Bewusstseinszustand | Reaktion |
A |
|
|
B |
|
|
C |
| |
D |
| |
E |
| |
F |
Delir-Monitoring
- Ziel: Gezieltes und regelmäßiges Screening auf delirante Symptome
- Indikation: Immer indiziert bei Analgosedierung auf der Intensivstation
- Durchführung: Mind. 1× pro Schicht (alle 8 h)
- Scores zum Delir-Screening
- Weit verbreitet
- Alternativ
- Siehe auch: Delir-Screening
Komplikationen
Akute Komplikationen [39]
Arterielle Hypotonie [40]
- Beschreibung: Systolischer Blutdruck <90 mmHg bzw. arterieller Mitteldruck (MAP) <60 mmHg
- Mögliche Ursachen
- Negativ-inotrope Wirkung der Allgemeinanästhetika, verstärkt durch Opioide
-
Vasodilatation durch Propofol, verstärkt durch Volumenmangel bei
- Nüchternheit
- Flüssigkeitsverlust
- Blutungen
- Prävention
- Vorgehen
- Sedierungstiefe adaptieren
- Kontrollmessung
- Ggf. Volumentherapie mit balancierter Vollelektrolytlösung
- Kopftieflagerung (Trendelenburg-Lagerung)
- Gabe von Sympathomimetika, siehe: Medikamentöse Kreislaufunterstützung - AMBOSS-SOP
Arterielle Hypertonie [40]
- Beschreibung
- Hypertensive Entgleisung: Blutdruckanstieg ohne Auftreten akuter hypertoniebedingter Endorganschäden
- Hypertensiver Notfall: Rascher Blutdruckanstieg mit Auftreten akuter, potenziell lebensbedrohlicher hypertoniebedingter Endorganschäden
- Mögliche Ursachen
- Schmerzen
- Vorbestehender arterieller Hypertonus
- Ungenügende medikamentöse Einstellung der arteriellen Hypertonie
- Am Tag der Intervention keine Einnahme der antihypertensiven Therapie
- Prävention
- Monitoring der Kreislaufparameter
- Angepasste Schmerztherapie
- Antihypertensive Medikation im Vorgespräch anpassen, siehe: Präoperatives Absetzen bzw. Pausieren von Medikamenten
- Vorgehen
Herzrhythmusstörungen [40]
- Beschreibung
- Bradykardie (Herzfrequenz <50/min)
- Tachykardie (Herzfrequenz >100/min)
- Ventrikuläre und supraventrikuläre Extrasystolen
- Mögliche Ursachen
- Nebenwirkung der zur Analgosedierung eingesetzten Medikamente
- Kardiovaskulärer Reflex durch Nebenwirkung von bspw. Propofol
- Stress oder Schmerzen
- Prävention
- Monitoring der Kreislaufparameter
- Adäquate Analgesie und Anxiolyse zur Vermeidung einer Tachykardie
- Präinterventioneller Ausgleich von Elektrolytstörungen
- Vorgehen
- Bei Bradykardie Atropin oder Adrenalin
- Siehe auch: Bradykarde Herzrhythmusstörungen - AMBOSS-SOP
- Bei Tachykardie: Validität des EKG kontrollieren (Elektroden überprüfen), Analgesie reevaluieren und ggf. adaptieren
- Siehe auch: Schmalkomplextachykardie - AMBOSS-SOP
- Siehe auch: Breitkomplextachykardie - AMBOSS-SOP
- Bei Bradykardie Atropin oder Adrenalin
Herzkreislaufstillstand
- Beschreibung: Sistieren des Herzkreislaufs, erkennbar im Rahmen der Analgosedierung bspw. an folgenden Zeichen
- Nicht-messbarer Blutdruck und/oder
- Nicht-messbare periphere O2-Sättigung (bzw. spO2-Abfall) und/oder
- Plötzlicher Abfall der endtidalen CO2-Konzentration
- Mögliche Ursachen
- Allergischer Schock
- O2-Mangel bei Atemwegsproblemen
- Kombinierte Kreislaufdepression bei vorbestehenden kardialen Vorerkrankungen, Vorlastmangel und addierenden Effekten der Allgemeinanästhetika
- Prävention
- Anamnese
- Identifikation von Risikopatient:innen
- Anästhesiologische Begleitung
- Vermeidung einer Übersedierung
- Vorgehen: Unverzügliche kardiopulmonale Reanimation
- Bei Erwachsenen siehe: Reanimation - AMBOSS-SOP
- Bei Kindern siehe: Reanimation von Kindern - AMBOSS-SOP
- Bei Schwangeren siehe: Reanimation von Schwangeren
- Bei Neugeborenen siehe: Reanimation von Neugeborenen - AMBOSS-SOP
Allergische Reaktion
- Beschreibung
- Latexallergie
- Medikamentenallergie, bspw. Analgetika (Metamizol), Antibiotika
- Prävention: Anamnese
- Vorgehen
Weitere akute Komplikationen
- Sättigungsabfall: Beschreibung und Vorgehen siehe: Hypoxie unter Analgosedierung
- Unerwünscht tiefe Analgosedierung: Beschreibung und Vorgehen siehe: Übergang einer Analgosedierung in eine Allgemeinanästhesie
- Apnoe durch CO2-Narkose: Beschreibung und Vorgehen siehe: CO2-Narkose unter Analgosedierung
- Aspiration: Beschreibung und Vorgehen siehe: Aspiration unter Analgosedierung
- Postinterventionelle Ereignisse durch Langzeitwirkung: Beschreibung und Vorgehen siehe: Postinterventionelle Komplikationen nach einer Analgosedierung
Langzeitkomplikationen [3]
- Pneumonie
- Dekubitus
- Lagerungsschäden [39]
- Magen-/Darmmotilitätsstörungen (-atonie)
- Thromboembolie
- Delir
- Propofol-Infusions-Syndrom
- Critical-Illness-Polyneuropathie
- Siehe auch: Komplikationen unter intensivmedizinischer Analgosedierung
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Nachsorge
Folgende Empfehlungen zur Nachsorge gelten nach kurzzeitiger Sedierung.
Überwachung nach Analgosedierung [1]
- Dauer: Mind. 30 min nach Ende des Eingriffs, bedarfsgerecht verlängern bspw. nach
- Schmerzhaften Interventionen
- Antagonisierung zentral wirksamer Wirkstoffe
- Räumlichkeit
- Aufwachraum oder „Erholungsraum“ [41]
- Enthält Material, Medikamente und Geräte zur Überwachung und zur Behandlung von Komplikationen
- Personal
- Lückenlose Überwachung durch qualifiziertes Personal
- Anwesenheit auch während Transporten gewährleistet
- Überwachung insb. von
- Sauerstoffsättigung
- Bewusstsein
- Atmung
- Herzfrequenz
- Blutdruck
- Sonderfall tiefe Sedierung: Überwachung im Aufwachraum , siehe auch:
Durch eine adäquate und ausreichend lange Überwachung sollen mögliche Komplikationen einer Analgosedierung rasch erkannt und behandelt bzw. abgewendet werden!
Entlasskriterien nach Analgosedierung [1][4]
- Suffiziente Spontanatmung
- Vorhandene Schutzreflexe (Aspirationsschutz), insb.
- Schluck- und Würgereflex
- Hustenreflex
- Stabile Kreislaufverhältnisse (ohne Unterstützung)
- Wache Bewusstseinslage
- Normothermie
- Adäquate Analgesie bzw. Schmerzfreiheit
- Ausschluss einer Blutung
- Keine oder minimale Übelkeit
- Ausreichende Mobilität (bzw. Status wie vor der Analgosedierung)
- Vorhandene Fähigkeit zum Trinken von Flüssigkeiten
- Sichere Begleitung nach Hause und dortige Betreuung gewährleistet
Der individuelle Entlassungszeitpunkt wird bedarfsgerecht je nach Situation durch das ärztliche Personal festgelegt!
Die Dokumentation des Entlassungszustands nach abschließender Untersuchung ist obligat!
Fahrtauglichkeit nach Analgosedierung [1]
- Keine aktive Teilnahme am Straßenverkehr für 24 h
- Anhaltende Beeinträchtigung des Reaktionsvermögens und der Urteilskraft für max. 24 h
- Aufklärung über Fahruntauglichkeit im Rahmen der Sicherungsaufklärung
- Vor Durchführung der Analgosedierung
- Nach Beendigung der Analgosedierung
- Behandelte Person und Begleitperson aufklären
- Dokumentation der Hinweise durchführen
Studientelegramme zum Thema
- One-Minute Telegram (aus unserer englischsprachigen Redaktion)
- One-Minute Telegram 33-2021-1/3: Does ketamine provide faster sedation in severely agitated patients than haloperidol/diazepam?
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